Sevilla – Flamenco, Stierkampf, Wassersport

Und natürlich Architektur. Sevilla ist – für alle, die es noch nicht wissen – eine Ober-Hammer-Hingucker-Stadt voller Touristen, die zu der Zeit, als wir dort waren, überwiegend aus Spaniern bestanden. Wir haben im Februar/März eine Reise nach Andalusien gemacht und neben dem Abklappern kultureller Hotspots wie Granada und Cordoba (Ich weiß, das klingt respektlos, aber irgendwie passt es zu diesen typischen Touristenprogrammen) eine ganze Woche in Sevilla verbracht. Weil man dort rudern kann. Und weil wir nicht zu den Leuten gehören, die sich zwei Wochen lang mit dem Reiseführer vor der Nase die Füße platt laufen.

Nun ist Sevilla nicht unbedingt für seine Wassersportmöglichkeiten bekannt, jedenfalls nicht der “breiten Masse”. In einschlägigen Kreisen aber durchaus. Warum, das erkläre ich gleich. Warum wir nach Andalusien gefahren sind, das hat in erster Linie mit der Sonne zu tun. Nach einem schlechten Winter, der uns viel zu lang dauerte, waren wir sonnenhungrig und ruderbegierig. Die andalusischen Städte hatten in unseren Ohren einen guten Klang. Sie sind wahre Schmuckstücke, gut erhalten und mit ihrer maurisch geprägten Kultur und Architektur von reizvoller Exotik. Dass der Flamenco dort noch lebendig ist, sieht man überall. Gehört haben wir nichts davon, weil wir den einschlägigen Touristenangeboten fern geblieben sind. Aber gesehen. Viele Geschäfte bieten Flamenco-Kleider an, man sieht sie überall in den Schaufenstern (und nicht nur dort, siehe Foto). Mir sind sie in ihrer Farbigkeit und Üppigkeit fremd, aber hübsch anzusehen sind sie, und sehr, sehr feminin.

Was mich überrascht hat – ich hatte einfach nicht darüber nachgedacht oder die entsprechenden Informationen aus meiner Vor-Recherche ausgeblendet – ist, dass es immer noch Stierkämpfe gibt. Sevilla verfügt mit der Plaza de Toros über die größte und wichtigste Arena für Stierkämpfe in Spanien. Im April zum Beispiel findet dort das größte Stierkampffestival der Welt statt. Als leidenschaftliche Tier-Liebhaberin kann ich diesen Brocken nur schwer schlucken. Die Spanier sind ohnehin nicht gerade für ihren sanften Umgang mit Tieren bekannt. Was nicht mehr gefällt, wird oft entsorgt, nicht selten auf übelste Art und Weise. Von spanischen Jägern wird berichtet, dass sie ihre Jagdhunde, die nicht mehr die gewünschte Leistung bringen, an Bäumen aufgehängt strangulieren. Als abschreckendes Beispiel für die anderen Hunde. Das machen ganz bestimmt nicht alle. Ich habe die Geschichte so oft gehört und gelesen, auch jetzt wieder im Land, dass ich davon ausgehe, dass etwas dran ist. Selbstverständlich haben wir auch gut versorgte Hunde gesehen, und es gibt bestimmt viele Spanier, die ein Herz für Tiere haben.

Rudern auf dem Guadalquivir

Ich habe es mir ja inzwischen zur Gewohnheit gemacht, wenn ich in die Fremde fahre, herauszufinden, ob dort gerudert wird. Das ist häufig der Fall, und so auch hier. Aber wie, das hatte ich mir nicht vorgestellt. Um es kurz zu machen, zu manchen Zeiten war auf dem Fluss die Hölle los, und das auf höchstem Niveau.

Wir konnten da natürlich nicht mithalten, aber unseren Spaß hatten wir auch. Der Club Deportivo Remo Sevilla begrüßt einen schon auf der Startseite der Website mit den Worten “Rema con nosotros” (Rudere mit uns). Obwohl mein Spanisch mehr als dürftig ist (ein absolutes, unbedingt zu änderndes Defizit, wenn man nach Spanien fährt), habe ich diese sympathische Einladung verstanden und beim Wort genommen. Freundlich empfangen vom General Manager Marcos Silva García durften wir uns sogleich und total unkompliziert am Bootspark des Clubs bedienen und ab aufs Wasser. Eine Woche unbegrenztes Rudern kostete 50 Euro pro Nase, die Nutzung sämtlicher Einrichtungen, darunter ein Fitness-Studio mit Blick über das Wasser, inklusive.

Volker will’s wissen (Männer …) und rechnet die gefahrenen Kilometer zusammen.

Das Ruderrevier besteht aus einem ca. 7,5 km langen Stück des Flusses Guadalquivir, den man einer besonderen funktionalen Korrektur unterzogen hat. Das, was den eigentlichen Fluss heute ausmacht auf seiner Strecke von Norden nach Süden, ist bei Sevilla ein kanalisierter, langsam dahinfließender Strom am Rande der Stadt, den wir nur zufällig entdeckt haben, weil wir per Fahrrad von den üblichen touristischen Pfaden abgewichen sind (Auf dem Foto links oben am Bildrand zu sehen). Das Stück, auf dem gerudert wird, entspricht dem ursprünglichen Flusslauf, der – man sieht es auf dem Bild – tatsächlich an seinem oberen Ende quasi abgeklemmt wurde. Dort wurden große Rohre verlegt, durch die das Flussstück gespeist wird. Weil es ordentlich breit ist, kaum Strömung hat und keine abrupten Wendungen nimmt, ist es das ideale Trainingsrevier für Ruderer und andere Wassersportler.

Kurz vor dem Start einer Kajak- und Kanuregatta am Wochenende.

Für uns war es ein Traum nach dem Winterelend in Deutschland, mal wieder in die Skulls zu greifen. Außer Touristenbooten gibt es keine Berufsschifffahrt, und als wir herausgefunden hatten, dass die beste Zeit zum Rudern die spanische Siesta zwischen 14 und 17 Uhr ist (das gilt vermutlich nicht im Hochsommer), hatten wir das Revier für uns. In der übrigen Zeit hieß es allerdings wie üblich Kopf verdrehen und manövrieren, und Volker hatte Gelegenheit, die fragwürdigen Qualitäten seines neuen Rückspiegels “Made in China” 🙁 zu testen. Unmengen von Kajakfahrern, Kanuten (in ganz schmalen Booten, ein Bein kniend) und natürlich Ruderern. Wie gesagt, die Bedingungen sind ideal, und das wissen viele Leistungssportler bis hin zum Deutschlandachter.

Dieser Post erschien während unseres Aufenthalts auf Instagram. Die Top-Sportler rudern übrigens nicht im Club Deportivo, sondern in einem Leistungszentrum ein Stück weiter nördlich.

Es ist ja schon mehrfach angeklungen in diesem Bericht, wir haben nicht so viel Lust auf den üblichen Sehenswürdigkeiten-Tourismus. Die Möglichkeit, das Reisen mit dem Sport zu verbinden, ist für unsere Bedürfnisse perfekt. Die Stadt vom Wasser aus zu sehen, und zwar nicht vom Ausflugsboot aus, ist wunderbar und fühlt sich exklusiv an. Morgens früh oder in der dösigen Mittagszeit zum Bootshaus zu tigern, tut gut und macht Spaß. Nette Leute am Bootssteg kennen zu lernen, ist überhaupt das Allerbeste. Und die Stadt zu besichtigen, dafür bleibt für unseren Geschmack immer noch genügend Zeit. Sevilla (Andalusien) ist auf jeden Fall eine Reise wert, und wenn sich die Aktivitäten so mischen lassen wie hier, ist das perfekt.


Vermutlich habe ich schon eine Form von selektiver Wahrnehmung. Wo immer ich hinkomme, sehe ich sportliche Menschen. Hier zum Beispiel einen BMX-Fahrer, der die Stützpfeiler des Metropol Parasol als Halfpipe nutzt.

Bildnachweis:
Bild Flamenco: Iriseren über Pixabay
Bild Stierkampf: Efes Kitap über Pixabay

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