Logbuch Kapstadt 2015

2.12.2015

Seit zwei Tagen bin ich in Südafrika. Ich habe es mir in den Kopf gesetzt, Teile unseres europäischen Winters in der Sonne zu verbringen, und praktiziere das seit langem. Die vier Wochen, die ich geplant habe, verbringe ich in der Kapregion, in der Gegend in und um Kapstadt. Ich habe mir verschiedene Unterkünfte über Airbnb besorgt und wohne privat. Da ich nicht zum ersten Mal hier bin, kenne ich die Region schon ganz gut, kann mir ein strammes Touristenprogramm daher ersparen und mich auf das konzentrieren, was mir vor allem anderen Spaß macht. Ich gehe rudern.

Meine Ruderfreunde vom letzten Jahr vom Cape Coastal Rowing Club sind mit ihrem Equipment umgezogen, aus Marine Harbour in den vornehmeren False Bay Yacht Club, beides in Simon’s Town. Die False Bay liegt quasi auf der Rückseite von Kapstadt am Indischen Ozean, der am Kap der guten Hoffnung auf den Atlantik trifft. Wollte man von Kapstadt aus mit dem Boot in die False Bay fahren, müsste man das Kap umrunden, etwa einen Kilometer weiter noch den Cape Point, und dann scharf links in die Bucht einbiegen (Ruderer natürlich nach Backbord). Dort fährt man zuerst am Naturschutzgebiet entlang und trifft nach einer Weile als ersten Ort auf Simon’s Town. Hier habe ich schon im letzten Jahr eine Runde gedreht, ganz cool sogar bis runter zum Cape Point. Über die drei Jungs, die auf dem Foto zu sehen sind, war ich damals nicht unfroh. Die Bedingungen hier unten sind doch deutlich anders als ich es gewöhnt bin. Aber Coastal Rowing ist im Kommen, also will ich mich nicht erschüttern lassen und mithalten.

Cape Point 2014 (Foto Dave Marrs)

Auf und ab im Schwell

3.12.2015

Heute bin ich mit Gavin gerudert. Gavin ist 51 und betreibt diesen Sport, seit er Schüler war. Er weiß also, was er tut, und zwar so gut, dass er an Wettkämpfen teilnimmt, die vom Feinsten sind. Heute war ein schöner Tag, der mit einem für hiesige Verhältnisse lauen Lüftchen von 5, 6 Knoten begonnen hat. Darüber bin ich froh, denn am Tag davor hat es geblasen wie verrückt, die Fahne mit der Haifisch-Warnung (Shark Alarm) hatte knatternd im Wind gestanden, an Rudern war nicht zu denken gewesen. Kaum sind wir allerdings aus der Deckung der großen Hafenmole raus, wird es doch wieder ungemütlich. Ich versuche, mein Teil zum Vortrieb zu leisten und Haltung zu bewahren. Immerhin schaffen wir unser Etappenziel, und das heißt heute Boulders Beach, berühmt für eine Kolonie von Brillen-Pinguinen. Ein großer Touristen-Anziehungspunkt, was mich ja meistens eher nervt wegen dem Halligalli, der damit verbunden ist. Vom Wasser aus sehen wir das ganz locker, und im Übrigen ist es früh am Morgen und die meisten Touris sitzen noch beim Frühstück. Die Pinguine jedenfalls sind schon auf und haben sich offensichtlich alle auf einem Fleck versammelt, um uns zu begrüßen.

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Die “Frackträger” beim morgendlichen Ausflug (Foto Dave Marrs)

Auf dem Rückweg reiten wir auf den Wellen, und ich mache die Erfahrung, dass man beim Rudern sogar seekrank werden kann. Nicht dass es so weit gekommen wäre, aber es gab Momente. Swell nennt sich das, zu Deutsch Schwell oder Dünung, was uns da auf das Ufer zu treibt. Schwell ist ein Nachwirken eines vergangenen Ereignisses. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Wind vom Vortag hier noch eine Art Schweif hinter sich herzieht. Jedenfalls sitzen wir mal ganz tief unten und mal ganz oben, und das im flotten Wechsel, worauf der Magen mit einer gewissen Irritation reagiert. Die siebeneinhalb Kilometer, die wir heute zusammenrudern, waren für den Anfang ausreichend. Schließlich komme ich aus Winterdeutschland, bin nicht gut trainiert und nehme aus dieser Runde nach langem mal wieder ein paar ordentliche Blasen mit.

Von Gavin habe ich übrigens ein paar englische Begriffe gelernt:

Gestartet wird aus der Rücklage: from the backstop – ready – row

Backbord über: right leg, Steuerbord über: left leg

Oder Backbord über: firm on stroke side, Steuerbord: firm on starboard

Freiweg: straight

Ruder halt: next stroke – easy!

Unser Revier, von oben gesehen
Unser Revier, von oben gesehen (Foto Anna-Marie Marrs)

Auf an die Garden Route

4.12.2015

Das war eine „Bestellung ans Universum“. Dave, mein Ansprechpartner vom letzten Jahr, und die anderen waren gestern mit Vorbereitungen zu einem Ausflug an die Garden Route beschäftigt. Das allein wäre attraktiv genug gewesen, die Garden Route ist einer der touristischen Hotspots in Südafrika. Aber dann noch eine Wanderruderfahrt! Heute wurden die Boote auf den Hänger geladen, woran ich mich sehnsuchtsvoll beteiligt habe und offenbar im richtigen Moment an der richtigen Stelle stand. Jedenfalls, ich darf mit. Werde sogar nützlich sein, weil durch mich statt eines hinterdreinfahrenden Einers ein Zweier besetzt werden kann. Man hilft doch gern.

Wohin geht es und mit wem?

Das Ziel heißt Breede River, der nächstgelegene Ort ist Witsand und, wie so viele Orte entlang der Garden Route, bekannt für die Beobachtung von Walen, Haien und Delfinen. Dafür werden wir vermutlich eher wenig Zeit haben, und ich rechne auch nicht damit, dass diese uns flussaufwärts entgegen kommen. Wir treffen auf eine Gruppe Ruderreisender, denen wir Boote zur Verfügung stellen, und rudern selbst mit. Spannend!

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Die Drei "an der Tankstelle": Gavin, Geordie, Dave
Die Drei “an der Tankstelle”: Gavin, Geordie, Dave

7.12.2015

Okay, da bin ich wieder. Staubig und mit Blasen an den Händen, aber glücklich. Der Breede River ist ein breiter Fluss (dafür steht der Name) mit relativ hohem Salzgehalt und einem grünen Uferstreifen, umgeben von leicht hügeliger Landschaft, die im Frühling wunderbar grün und bunt sein soll. Momentan ist hier Sommer, und in ganz Südafrika herrscht eine außergewöhnliche Trockenheit. Die Felder sind braun und verdorrt, und auf den letzten 10 Kilometern Schotterstraße, die wir überwinden müssen, ziehen wir eine gewaltige Staubwolke hinter uns her. Malagas, das Hotel, liegt „in the middle of nowhere“ und beherbergt sonst eher mal den einen oder anderen Biker. Jetzt die Ruderer. Der Fluss empfängt uns mit einer kräftigen Strömung und Wind.

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Wir laden die Boote ab und unternehmen eine erste Testfahrt im Vierer auf Lücke. Ich fühle mich stark an unsere Wanderruderfahrt auf der Elbe erinnert (meine erste), als man mir versprochen hatte, alles sei halb so wild, weil ja mit der Strömung gerudert wird. Dass der Wind so kräftig sein könnte, dass er die Strömung quasi aufhebt, damit hatte keiner gerechnet. Jedenfalls bin ich ziemlich froh, als man mir für den Rückweg den Platz am Steuer anbietet. Am nächsten Tag kommen die Gäste, alle nicht mehr jung, und ich staune mal wieder, wie fit gerade viele ältere Ruderer sind. Jedenfalls ziehen sie ihr Programm durch, am einen Tag 20 Kilometer flussaufwärts und zurück, am anderen 28 Kilometer flussabwärts und zurück. Anstrengend ist das vor allem wegen der Hitze, der Wind hat nachgelassen, wir schwitzen wie die Affen. Kühlung bringt eine Badeunterbrechung oder eine Einkehr im „Boathouse“ – eine Institution für sich. Entlang der Schotterstraße finden sich ein paar Kilometer stromabwärts ein paar Häuser, dazwischen der einzige Gastronomiebetrieb weit und breit, betrieben von einem ehemaligen Luftwaffenpilot (oder so), der um jede Uhrzeit anzutreffen ist, offenbar selbst sein bester Gast. Die Kneipe erinnert mich an andere, die ich gesehen habe auf der Welt, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint (bis auf den heute obligatorischen Flachbildschirm mit Dauersportsendungen über Rugby oder Golf). Das Personal hat so viel Patina angesetzt wie die rustikale Einrichtung, die Wände hängen voller Erinnerungsstücke, und die Musik versetzt uns Oldies in Schwingung: Rod Stewart, Genesis, Deep Purple, Chicago usw., späte 60er bis frühe 80er satt. Stichwort satt: Die Pizza ist vom Holzofen und echt lecker, ein bisschen Vorsicht ist nur geboten bei der Wahl des Belags, der Küchenchef steht auf Ananas.

Immer die Nase vorn – Gavin und ich sind schon am Rastplatz angekommen
Immer die Nase vorn – Gavin und ich sind schon am Rastplatz angekommen
Die anderen lassen sich mehr Zeit
Die anderen lassen sich mehr Zeit

Die Gruppe, für die wir hier tätig sind, befindet sich auf Testreise Südafrika, um herauszufinden, wie sich das Land als Ziel für Ruderer eignet. Alle 7 Mitreisenden können auf eine Reihe beeindruckender Ruderreisen zurückschauen, alle veranstaltet von Ruth Marr, die unter rowingtheworld.com wirklich spannende Sachen anbietet. Sechs Nationen sitzen hier zusammen in den Booten, vier Schweizer, eine Kanadierin, eine Amerikanerin, eine eingeschweizerte Holländerin, drei Südafrikaner und ich. Für mich gehört es zu den faszinierendsten Erlebnissen beim Reisen, dieses Zusammentreffen mit Menschen aus aller Welt. Wenn es sich wie hier zusätzlich mit einem gemeinsamen Interesse verbindet, ist es umso spannender. Kaum vorstellbar, dass ich sonst Liz aus San Francisco begegnet wäre, die seit 30 Jahren fast jeden Tag mit ihrem Einer unter der Golden Gate Bridge unterwegs ist. Häufig begleitet sie dabei Langstreckenschwimmer, sozusagen als Safety Guard. Ihr Verein hat sage und schreibe etwa 1700 Mitglieder und wächst stetig weiter, wobei den größten Teil die Schwimmer stellen.

In nur zwei Tagen gelingt es, eine Intensität in den Beziehungen aufzubauen, wie man es im „normalen Leben“ nur selten erlebt. Okay, ich weiß, das ist Urlaub, Ausnahmesituation, und es gelingt auch nicht mit allen. Der Abschied fällt herzlich und fröhlich aus. Aber zuerst muss die Gruppe für die Weiterfahrt nach Port Elisabeth mit ihrem beladenen Van über den Fluss. Das geschieht mittels einer Seilfähre und zur Freude der Fährleute mit viel lauter Musik. Wir winken lange und machen uns auf den Heimweg.

Beim Unterqueren der Seilfähre mit den Ruderbooten mussten wir den Kopf einziehen. Jetzt stehen alle aufrecht.

Pling pling

8.12.2015

Seit mich Dave in die WhatsApp-Liste des Clubs aufgenommen hat, plingt bei mir dauernd das Handy. Anders als bei uns gibt es hier keine festen Ruderzeiten, sondern man verabredet sich von Tag zu Tag, und das Internet hält alle auf dem Laufenden. Neben den Koordinierungsinfos werden auch persönliche Dinge ausgetauscht, wenn jemand krank ist, unterwegs, seinen Enkel zu Besuch hat etc. Bei hundert Teilnehmern ist da einiges los. Ich staune immer wieder, mit welcher Ausdauer und Emphase hier kommuniziert wird. Erzählt mir nichts, dagegen sehen wir echt schwach aus. Anders halt.

Morgen wird gerudert, um 6:45 Uhr.

Blick auf den Yachtclub. Hier (Vordergrund) lagern wir unsere Boote.
Blick auf den Yachtclub. Hier (Vordergrund) lagern wir unsere Boote.

Never say sorry

9.12.2015

Heute haben wir eine Anfängerin an Bord, Estelle. Anders als bei uns werden die Neulinge nach kurzer Einweisung mit den Könnern ins Boot gesetzt. Das hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil ist, dass es, wenn der Anfänger nicht völlig untalentiert ist, für ihn zügig voran geht. Der Nachteil, dass er sehr unter Druck steht und es eigentlich keine wirkliche Übungsphase gibt. Estelle kämpft jedenfalls ganz schön auf ihrem Platz hinter mir, und witzig finde ich, dass sie auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet mit: sie sei hauptsächlich damit beschäftigt, sich nicht andauernd zu entschuldigen. Kann ich gut nachvollziehen, bei mir ist diese Phase auch noch nicht lang her. Den geduldigen „alten Hasen“ von damals (Ursula!) bin ich heute noch dankbar.

Wir alle genießen heute eine flache See. Es ist ein Traum, im Morgenlicht die Bucht hinaus zu rudern. Das Wasser glänzt wie ein Spiegel. Als ich entdecke, dass das, was ich zunächst für große Stücke Tang gehalten habe, sich bewegt und als sonnenbadende Robben entpuppt (auf dem Rücken liegend, Flossen nach oben), ist alles gut. That made my day, würde man hier sagen. Mehr brauche ich nicht. Um 8 Uhr morgens bin ich für den Rest des Tages glücklich.

Von meinem Zimmer aus kann ich die Lage checken – so flach kann Wasser sein
Von meinem Zimmer aus kann ich die Lage checken – so flach kann Wasser sein

Rowing effortless and fast

10.12.2015

Gavin hat ein Video von mir und Dave gemacht. Ich hätte ja gesagt, gar nicht so schlecht, was ich da abliefere. Aber dann hat Derrick das Video gesehen, und jetzt sitze ich hier und versuche, aus den umfangreichen Techniktipps, die er mir per SMS gegeben hat – natürlich auf Englisch –, schlau zu werden. Vor allem schreibt er, dass wenn ich Änderungen an meiner Schulter-/Handhaltung vornehmen würde, ich mich leichter tun würde. Ich habe das Gefühl, er liegt richtig, aber ich kann es nicht so ganz fassen. Ich gebe hier mal Auszüge davon weiter:

You are not releasing your blades into the water at the same time as Dave, even though you arrive together at the catch position. The reason is that you begin to swing your shoulders back with your slide and pull the blades diagonally down into the water. Dave lets his blades fall into the water without swinging his shoulders back, he releases his hand pressure as his slide rolls backwards. Dave „drags“ his shoulders and arms with his legs. This set of movements makes his blade entry sooner and longer whilst his legs move his body mass with the blade connected to the water. His finish is with arms and latissimus muscles. This is what makes rowing effortless and fast.

Eins muss man hier mal in Großbuchstaben festhalten:

Rudern mag vielleicht einfach aussehen*, ABER DAS IST ES NICHT! (* Tut es das überhaupt?)

Ich bleibe dran.

Rainbow Rowing

Whale Watching

11.12.2015

Kurz davor
Kurz davor

Das Wasser ist flach, eine leichte Dünung hebt und senkt uns. Wir rudern zum Leuchtturm, umrunden ihn, sehen einer Gruppe Pinguine beim Ausflug zu, und auf einmal das: eine spitze Finne hebt sich aus dem Wasser, ein langer Rücken folgt und biegt sich in einem Bogen dem Wasser entgegen, verschwindet, taucht wieder auf, ein Schnauben, eine Fontäne, und ab. Wir sind wie hypnotisiert. Ein Wal. Wir starren aufs Wasser, tasten es großflächig mit den Blicken ab, wir können nicht sehen, wohin er schwimmt. Rudern in die Richtung, in der wir ihn vermuten. Und dann ist er wieder da. Es sind mindestens zwei, auf jeden Fall eine Mutter mit Kind.

Whale Watching

Auch für meine südafrikanischen Freunde ist das keine Alltäglichkeit.

Der Reiseführer Marco Polo schreibt „Zwischen Mai und November kann man in der False Bay auch Wale beobachten. Während dieser Monate nutzen Südliche Glattwale die Bucht zum Fortpflanzen und Kalben. Dabei schwimmen sie teilweise sehr nahe ans Ufer heran.“

Wir haben Dezember. Und außerdem ist es noch einmal etwas anderes, wenn man mit dem Ruderboot selbst draußen ist, sich mit Muskelkraft in ihrem Element bewegt. Wir fühlen uns ihnen ganz nah. Ich bin so ergriffen, dass mir fast die Tränen kommen. Diese riesigen, sanften Tiere schlagen uns alle in ihren Bann. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgend jemand bei dieser Begegnung unberührt bleibt. Majestät hat uns eine kurze Audienz gegeben. Wie benommen rudere ich zurück. Unser Routenverlauf sieht heute etwas merkwürdig aus.

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Wellenreiten

13.12.2015

Ich habe schlecht geschlafen. Als ich mich um 6 Uhr doch aus dem Bett wälze, sehe ich Gänsehaut auf dem Wasser, und die Büsche vor meinem Balkon bewegen sich. Ich zögere. Aber dann schlüpfe ich doch in meine Kluft und mache mich auf den Weg. Ich bekomme eine Lektion in Coastal Rowing, die mich an meine Grenzen bringt. Giordie packt mich in einen Zweier, und los geht es, raus aus dem Hafen und rein in die Wellen. Während ich, auf Schlag sitzend, alles aus mir raushole und versuche, die Skulls nicht zu verlieren, erzählt er mir etwas von 30 Knoten, bei denen sie mal draußen waren. Mir reichen die 14, die der Windfinder heute anzeigt, vollauf. Wir rudern eine Weile hinaus, dann wird gewendet, dann kann der Spaß beginnen. Während sich das Boot mit den Wellen hebt und senkt, passen wir unseren Schlag diesem Verlauf an, was bedeutet, bei der Bergfahrt normaler Schlag, bei der Talfahrt etwa doppelte Geschwindigkeit, na ja, gefühlt. Meine Muskeln machen das eh nicht mit. Aber es reicht, um ins Gleiten zu kommen, und jippie, rasen wir dahin. Das hat ohne Zweifel etwas von einer Achterbahnfahrt. Dieses Spiel machen wir drei Mal, und jetzt sind meine Arme so lahm, dass ich kaum mehr tippen kann. Bei all dem muss ich die ganze Zeit an Derrick denken, der vermutlich in seinem Haus am Hang mit dem Feldstecher am Fenster steht und uns beobachtet. Das lässt mich auch nicht kalt.

Auszug aus der WhatsApp-Kommunikation des Tages:

Dave Marrs: How did this morning session go?

Geordie Kohler: You mean you didn’t hear Bettina’s screams? We had such fun in the double. Windy yes but most manageable in the double. … You missed a goody!

Dave Marrs: Great to hear. And yes, I think we did hear Bettina, but we thought it was a siren call of a lost mermaid.

Be Shark Smart
Nicht jedem Meeresbewohner möchte man persönlich begegnen.

 

An der Technik wird immer gefeilt
An der Technik wird immer gefeilt

@ Miller’s Point

16.12.2015

Südafrika feiert heute den Day of Reconciliation (Versöhnung), man sieht entspannte Gesichter, Musik schallt aus offenen Fenstern, und das Rudern beginnt um 7 und nicht schon um 6:30 Uhr oder Viertel vor. Wir machen uns auf den Weg zu Miller’s Point, das ist eine Strecke von gut 8 Kilometern, die Kobus und ich im Zweier in einer knappen Stunde bewältigen. Ich mache darauf aufmerksam, dass wir zwischendurch den einen oder anderen (kurzen) Stopp einlegen und in deutlich spürbarem Wellengang rudern. Inzwischen bin ich so gut trainiert, dass mich das nicht mehr aus dem Stemmbrett wirft. Ich habe meine Technik den Verhältnissen angepasst und komme ziemlich gut durch. Am Zielort gibt es eine kurze Rast auf einem großen Felsen, und als wir gerade wieder loslegen wollen, das Highlight des Tages: Riesige Stachelrochen treideln unter unseren Booten dahin. Sie sind schlecht zu sehen, weil das Wasser etwas trüb ist und man sie leicht mit einem Felsen oder dem im Wasser treibenden Tang verwechseln kann. Aber wenn sie sich bewegen und „mit den Flügeln schlagen“, dann kommt ganz weiß ihre Unterseite zum Vorschein und man kann beobachten, wie elegant sie dahingleiten. Von uns übrigens völlig unbeeindruckt.

Geordie, der heute ausnahmsweise nicht mitrudert, weil er Hochzeitstag feiert, schreibt später „I’m green with envy“. Dave antwortet „Ja, you wanted to get married all those years ago. Didn’t think ahead, did we?”.

Auf dem "Affenfelsen"
Auf dem “Affenfelsen”

„Kiste schieben“

17.12.2015

Derrick, der seinen Rücken schonen muss, gibt mir eine Einzelstunde. An deren Ende sind meine Arme laaaaang, meine Schultern gaaaaanz weit vorn, mein Rücken nach vorn geneigt. Meine Beine haben ordentlich und schnell Druck gemacht, die Arme habe ich wirklich erst angewinkelt, wenn die Beine gut gestreckt waren, ich habe kräftig Kiste geschoben, die Hände und Handgelenke immer locker gehalten. Mit einem winzigen Hub der Hände im letztmöglichen Moment habe ich die Blätter ins Wasser gleiten lassen. Ich habe das Boot mit dem Arsch bewegt („The [m]ass moves the body“), habe in den Schultern und Armen kaum Kraft angewendet („Don’t bring your shoulders back“). Aber mein unterer Rücken hat mir ein großes Fragezeichen nach oben geschickt. Allerdings: Das Boot ist so sanft durch das Wasser geglitten und wir waren anstrengungslos so schnell, dass ich es kaum für möglich gehalten hätte. Das ganze ist eine einzige gleitende Bewegung. Hände beim Durchzug horizontal über der Wasserlinie halten (wie auf einem Tisch), beim Vorrollen die Zehen anziehen. Backbord- und Steuerbord-Korrekturen nur durch Druck mit dem jeweiligen Fuß, auf keinen Fall mit den Armen ziehen, schon gar nicht die Schultern nach hinten. Tja, was werden die zuhause dazu sagen?

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Mit meinem Mentor Derrick

I’ve got the Power

18.12.2015

Zwei Rudereinheiten an einem Tag bringen mich ans Limit, vor allem, wenn sie so sind wie diese. Bei ordentlichem Wellengang rudern wir am Vormittag nach Windmill, ich mit Kobus im Zweier ganz flott. Dort wird gebadet, und für den Rückweg weist man mir den Einer zu. Ich bemühe mich, die neue Technik anzuwenden, und siehe da, es geht unerwartet gut. Die Kurskorrekturen machen mir allerdings ganz schön zu schaffen. Wenn die Wellen so stark drücken, ist eigentlich nur die Position im rechten Winkel dazu „angenehm“. Alles andere kostet Kraft, weil die Wellen sich den Bootskörper gern „einverleiben“ wollen. Am Ende bin ich fertig und auf dem Rückweg bestimmt einiges mehr gefahren als die 6 Kilometer, die die Strecke haben sollte.

Am Nachmittag steigen wir nochmal in die Boote, diesmal bin ich selbst Schuld, dass ich hinterher platt bin. Ich sitze mit Dave im Zweier, außer uns sind ein weiterer Zweier unterwegs und ein Vierer. Den Vierer steuert Gavin, unsere „Pistensau“. Irgendwie ergibt es sich, dass wir auf dem Rückweg plötzlich längere Zeit gleichauf mit dem Vierer blieben, und dann ist der Ehrgeiz geweckt. Neue Technik, verbesserte Kondition, ich rudere mir die Seele aus dem Leib. Hilft aber nichts, irgendwann muss ich aufgeben. Wäre ja auch zu schön gewesen. Aber Spaß hat’s gemacht!

In der Mitte des Tages – ich gammele gerade in meinem Zimmer herum – erreicht mich eine der vielen WhatsApp-Nachrichten, die hier wie ein Trommelfeuer ständig aus meinem Mobile dengeln: Geordie ist auf dem Wasser und umgeben von Delphinen. Einen Versuch ist es wert, ich springe auf, schnappe mein Fernglas und stürze auf den Balkon. Und prompt erwische ich sie, zwei Zweier lassen sich unten in der Bucht, direkt vor meiner Nase, treiben, und rundherum wimmelt es von glänzenden Fischkörpern. Die habe ich jetzt zwar nur aus der Ferne erlebt, aber was soll’s.

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Unsere Cracks sind heute übrigens in Hochstimmung. Ein berufsbedingt meistens abwesendes Clubmitglied ist endlich mal wieder da. Stéphan Faivre hält sich fast immer im Ausland auf und hat ein zweites festes Standbein in der Schweiz. Dort rudert er im Ruderclub Baden und zieht schon mal eine Goldmedaille an Land. Die Jungs lassen es sich nicht nehmen und drücken heute auf einer ihrer Standardstrecken so richtig auf die Tube. 1,7 km in 7:41 Min., nicht schlecht, Herr Specht.

The Sweetest Thing

20.12.2015

Man kann auch mal einen Tag nicht rudern. Allerdings nur, wenn man krank im Bett liegt oder das Rudern aus irgend welchen schwerwiegenden Gründen, z. B. höhere Gewalt, ganz ausfällt. Ich fühle mich ein bisschen unwohl, bin traurig, weil meine Abreise näher rückt. Außerdem gehe ich davon aus, dass bei dem Wind, der draußen um die Ecken pfeift, sowieso nicht gerudert wird. Denkste. Kurz nach diesem Entschluss fällt mein Blick auf etwas kleines, schmales, weißes: ein Ruderzweier schiebt sich, von hier oben betrachtet ameisengleich, aus der Hafeneinfahrt, biegt nach einer Weile um die Mole, verschwindet aus meinem Sichtfeld und kommt so schnell nicht zurück. Die lassen sich wirklich von nichts beeindrucken. Frust!

Und was hilft gegen Frust, erfahrungsgemäß? Hier in Simon’s Town ist es „The Sweetest Thing“. Ich also runter in die Stadt und rein in den Laden, an dem ich jeden Tag vorbei muss, und vor dem ich jeden Tag aufs Neue einen inneren Kampf verliere. Es sind erschwerte Bedingungen, wenn man nach derart kräftigen Rudereinheiten, wie wir sie fast täglich hinlegen, solcher Versuchung widerstehen soll. Heute habe ich keine Entschuldigung durch erhöhten Kalorienverbrauch. Heute ist es mir einfach egal. Die Apfeltarte mit Nougat schmeckt himmlisch, und ich weiß jetzt schon: Ich werde es wieder tun.

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Zeekoevlei – wo die Seekuh fliegt

22. und 23.12.2015

Wenn es bei uns heißt „Hier steppt der Bär“ oder so ähnlich, dann ist damit gemeint, dass richtig was los ist. Ganz anders am Zeekoevlei. Das kann natürlich daran liegen, dass die Übersetzung nicht heißt „Wo die Seekuh fliegt“, sondern „Nilpferd-See“*. Hier wurden in grauer Vorzeit einmal Nilpferde gesichtet. Heute hat hier der Alfred Rowing Club sein Zuhause, immerhin seit über 150 Jahren, und wie sich’s hier rudert, wollte ich auch ausprobieren. Ich stehe also um 5 Uhr auf, denn mein Weg dahin ist weit, und gerudert wird um halb 7. Alles fühlt sich anders an. Die Landschaft ist so flach wie der See, dessen Wasser von erbsengrüner Farbe nicht unbedingt zum Baden einlädt. Aber das habe ich ja auch nicht vor. Ein Blick ins Bootshaus ist beeindruckend. Hier liegen ausschließlich gut gepflegte Sportboote. Gemessen an ihrer Zahl, muss es eine stattliche Menge Mitglieder geben. Ich sehe davon nur wenige, am einen Tag zwei, am anderen etwa 10, die vermutlich, ähnlich wie ich, von weit her angefahren kommen, denn die Lage des Sees unweit eines großen Townships ist zum Wohnen mäßig attraktiv.

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Am ersten Tag steige ich mit Liesl ins Boot. Liesl ist Mitglied in beiden Clubs, wir kennen uns aus Simon’s Town, und sie hat mich als Gast mitgenommen. Auch am See weht eine steife Brise, und ich, die ich mich auf eine gemütliche Runde in Flachwasser eingestellt hatte, komme ganz schön ins Schwitzen. Die Sache mit den Skiffs habe ich noch nicht so richtig drauf. Ich ringe um mein Gleichgewicht, und das Platsch-platsch meiner Blätter beim Eintauchen, das es mir kaum einmal gelingt zu vermeiden, tut mir in den Ohren weh. Liesl ist geduldig und zieht mit mir eine Bahn, die wir mehrere Male abfahren. Meinem Wunsch, uns den Pelikanen zu nähern, die ich in Ufernähe erkennen kann, gibt sie nicht nach. Es geht darum, dem Wind einigermaßen zu entkommen, und am nächsten Tag erlebe ich auch, dass die Struktur des Sees, in dem sich einige größere Seegrasfelder befinden, den Ruderern Konzentration und Revierkenntnis abverlangen. An diesem Tag sitze ich mit Haylee, John und Nigel im Boot, und die Harmonie stimmt überhaupt nicht. Das kommt vor. Obwohl die Strecke von 8 bis 8,5 Kilometern an beiden Tagen überschaubar ist, tun mir hinterher alle Muskeln weh. Unsere Schlagfrau Haylee ist unzufrieden, aber viel zu höflich und freundlich, um schlechte Laune aufkommen zu lassen. Das trifft ja hier auf alle zu, diese positive Grundhaltung. Allerdings – und das schätze ich sehr – lässt sie uns ganz klar wissen, was aus ihrer Sicht verbessert werden müsste. Tja, wenn das mal immer so einfach wäre.

Gavin, mit dem ich am Breede River unterwegs war, ist auch da. Er ist das Oberhaupt des hiesigen Ruderclubs, und holt sich an diesem Tag drei starke Mannen ins Boot. Die vier zeigen uns zum Abschluss noch, was sie drauf haben. Cool.

Sprint as Sprint Can

* Wikipedia sagt: Zeekoevlei is a major freshwater lake on the Cape Flats near Cape Town, South Africa. The name means “hippopotamus lake,” with “vlei” being Afrikaans for “lake”, and “zeekoe” being Afrikaans for hippopotamus.

Merry Christmas

25.12.2015

Heute schweigt der Ruderclub. Der 25.12. ist in Südafrika der Haupt-Weihnachtsfeiertag, und alle sind abgetaucht. Eine ungewöhnliche Ruhe liegt über dem Vormittag, irgendwann ist ein kleines, zartes Geläut zu hören, nicht zu vergleichen mit dem kräftigen, bronzenen Klang unserer meist stattlichen Kirchenglocken. Gegen Nachmittag ziehen ganze Großfamilien an den Strand, der für meine Begriffe durch den starken Wind eher ungenießbar ist, es sei denn, man wollte sich von Kopf bis Fuß pudern lassen. Mich vertreibt er schnell wieder, in eines der wenigen offenen Cafés der Stadt. Vor etwa einer Stunde ist ein Vollmond aufgezogen, der jetzt, wo es dunkel ist, einen Teppich aus Licht auf dem Meer ausbreitet. Atemberaubend. Genau unter dieser Fläche haben wir die Wale gesehen. Wo mögen sie jetzt sein? Vielleicht irgendwo weit draußen, aber auch unter diesem Mond, genau wie ich und ebenso wie die Freunde daheim, die ich bald wiedersehe.

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3 Gedanken zu „Logbuch Kapstadt 2015

  1. Hallo Jost, na dann willkommen zurück in einer Gemeinschaft, der man entweder mit Leidenschaft angehört oder gar nicht. Ich freue mich, wenn ich positive Impulse gegeben habe. Auch ich bin ab Mitte Dezember wieder in SA, 4 Wochen in Simon’s Town mit hoffentlich intensiven Rudererlebnissen (eine Freundin aus meinem Verein ist am Montag dort mitgerudert, bei 24 kn), danach greife ich in Durban und Port Elizabeth zu den Skulls. Rudern in Südafrika ist ein besonderes Abenteuer und für (Wieder-) Anfänger nicht gerade leichte Kost. Aber wenn Sie Gelegenheit dazu haben, nutzen Sie sie unbedingt. Durch Knysna kommen wir auch. Wenn wir uns austauschen wollen, sollten wir das nicht dem Zufall überlassen.

  2. Wundervoll geschrieben, habe die Zeilen sehr genossen. Ich bin neu entflammt für’s Rudern und will im Winter wieder den Sport anfangen, den ich in der Jugend betrieben habe. Sie sind meine erste Orientierungs- Hilfe. Bis jetzt habe ich in Südafrika nur Golf gespielt, allerdings mit dem E-Kart, das ist nicht so gut für die Kondition,Der Platz ist zum laufen zu steil (Knysna). Ich freue mich schon auf Ihren nächsten Bericht. Ab Mitte Dezember bis Ende März bin ich in SA.
    Vielleicht treffen wir uns durch Zufall mal, würde mich freuen.

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