Hauptsache Wasser unter dem Kiel! (Gastbeitrag)

Um die 12 Jahre mag ich gewesen sein, als es für mich erstmalig zu Wasser ging. Mein großer Bruder war soeben stolzer Besitzer eines alten Paddelbootes geworden. Wir vergnügten uns auf dem Berliner Wannsee, ich durfte als Kielschwein mitfahren, hatte also keinerlei Pflichten.

In der Kriegs- und Nachkriegszeit waren Hobbies dieser Art unerschwinglich. Erst in den 50er Jahren konnte ich mir ein (neues) Klepper-Faltboot leisten. Eingeweiht wurde es auf einer Wanderfahrt. Meinem Freund und mir schien der Rhein wegen seiner Strömung besonders geeignet bzw. angenehm, brauchte man sich doch nicht allzu sehr zu quälen. Ahnung von Schifffahrt und ihren Vorschriften hatten wir keine, weder Warnsignale noch Seezeichen interessierten uns. An der Loreley erwischte es uns dann: Die enge Durchfahrt ist wegen des starken Schiffsverkehrs von Wassersportlern gefürchtet. Hohe Wellen und falsches Manövrieren sorgten dafür, dass unser Boot binnen kurzem vollschlug. Bis zum Ufer war es glücklicherweise nicht weit und auch das Trockenlegen unseres Bootes schnell geschafft. Nass geworden bei diesem Malheur sind allerdings nicht nur der Kleidersack samt Inhalt, sondern auch Brot, Wurst und Käse, die uns – durchnässt am Ufer hockend – deshalb aber nicht schlechter schmeckten. Heute passiere ich die Loreley eher gelassen, warte aber gerne darauf, dass der Schiffsverkehr vorübergehend einmal abnimmt.

Später wurden für meine Frau und mich die norddeutschen Gewässer zum beliebtesten Revier. Flüsschen wie Oertze und Wietze oder Luhe, allesamt in der Lüneburger Heide, auch die Schwentine in Holstein, im Kanu zu befahren, kann jedem (Nachwuchs-)Wanderer, weil ungefährlich, nur empfohlen werden. Wer bei der niedrigen Wassertiefe (1-2 m) einmal baden geht, braucht um sein Leben nicht zu fürchten!

Einen einzigen Zwischenfall erlebten wir damals: Eisenstangen unter Wasser, wahrscheinlich ein altes Wehr, zerschnitten uns die Bootshaut wie mit dem Rasiermesser. Im Nu wurde es nass im Boot, dann war es auch schon vollgelaufen. Blitzschnell reagierten wir und erreichten das rettende Ufer dank der geringen Breite des Flüsschens (5-10 m) zu Fuß.

Mein eherner Grundsatz „Ich bin Kanute und werde es immer bleiben“ geriet sehr bald ins Wanken. Meine Frau für das Paddeln zu begeistern, gelang mir zwar; von Haus aus war sie aber Ruderin und bestand darauf, diesen Sport ebenfalls fortzusetzen. Folglich musste ich meinerseits bereit sein, ins Ruderboot zu steigen (und dazu vorab Unterricht nehmen).

Bis in die jüngste Zeit haben wir Freude an beiden Sportarten gehabt, wobei jede ihre Eigenheiten besitzt und von der „Gegenpartei“ entsprechend bespöttelt wird: Der Ruderer sitze ja rückwärts und bekomme von der schönsten Landschaft folglich nichts mit, wissen die Kanuten. Ruderer ihrerseits halten die Kanuten gerne für „Wasserflöhe“ oder gar „lahme Enten“, weil deren Geschwindigkeit ja erbärmlich sei. Beiderseits unbestritten ist, dass sich Ruderboote nur für tiefere Gewässer eignen, Kanus dagegen schon mit sehr geringer Wassertiefe auskommen (0,5-1 m) – ein großer Vorteil übrigens auf kleinen und kleinsten Gewässern! Die Ergänzung der einen durch die andere Sportart erscheint mir auch heute noch als ideal, zumal Körper und Muskulatur dadurch unterschiedlich gefordert sind.

Uns geht es beim Wassersport in erster Linie um das Erlebnis von Natur und Landschaft, wozu ggfs. natürlich auch Zelt und Eigenversorgung gehören, sprich ein „Leben in Freiheit“. Flüsse und Flüsschen, Seen und Kanäle befahren wir seit Jahrzehnten. Ob in Deutschland, Frankreich und Holland, oder in Polen, Tschechien und Russland – überall kann man auf diese Weise Land und Leute persönlich kennen lernen. Selbst ohne Sprachkenntnisse funktioniert es irgendwie immer. Unsere Kinder und deren Freunde sind so mit der wunderbaren Welt des Wasserwanderns vertraut geworden. Einige von ihnen gehen inzwischen selbst auf Tour – natürlich ohne elterliche Aufsicht.

Um Bilanz zu ziehen, mag es zu früh sein. Deshalb hier nur einige wenige Kennziffern, wie es der Wassersportler nennt: Bisher haben wir 60 Ströme und Flüsse, Kanäle und Seen befahren, waren in 16 Ländern und dies mit ca. 25.000 km gesamt! 70 Jahre sind es inzwischen schon, die ich auf dem Wasser verbringe. Zu bereuen brauche ich die vielen Erlebnisse und Erfahrungen keineswegs.

Wilhelm Gieseke, Bad Godesberg
(Wilhelm ist ein Freund, der mir den Anstoß zum Rudern gegeben hat.)

Foto: Der Rhein bei Bonn von Thomas B. (Didgeman) über Pixabay

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