Vogalonga 2019 – eine kritische Reflexion

Wer in diesem Jahr an der Vogalonga teilgenommen hat, kam nicht umhin, auch die Biennale zur Kenntnis zu nehmen (Mehr darüber natürlich in Wikipedia sowie hier, woraus das folgende Zitat stammt). “Der Titel der 58. Internationalen Kunstausstellung ist ein [vermeintlich] chinesischer Fluch, der sich auf Zeiten von Unsicherheit, Krise und Aufruhr bezieht – “Interessante Zeiten”, genau wie die, in denen wir heute leben.” Und es ist keineswegs an den Haaren herbeigezogen, wenn auch die Vogalonga sich diese Überschrift geben kann.

Die Vogalonga ist – wie man erst realisiert, wenn man sich genauer damit beschäftigt, das Infomaterial vor Ort liest, und was einem keiner vorher sagt – nicht eigentlich eine Regatta, sondern eine Demo und Solidaritätsveranstaltung. Wobei man sich fragen kann, ob sie das wirklich ist, wenn 80 Prozent der Teilnehmer hinfahren, ohne sich dessen bewusst zu sein.

In diesem Jahr allerdings konnte selbst ein Blinder mit Krückstock nicht übersehen, worum es geht. Am 2. Juni 2019, genau eine Woche vor der “Voga”, rammt ein Kreuzfahrtschiff eine Anlegestelle und ein Touristenboot. Das haben dank der Medienberichterstattung alle mitbekommen. Und selbst wenn nicht, so dürfte doch am Veranstaltungstag keiner übersehen haben, wie sich trotz Verbots von Seiten der Behörde gegen 8:30 Uhr die MSC Magnifica durch das sich aufstellende Starterfeld geschoben hat (vermutlich mit Sondererlaubnis).

MAI PIÙ (Nie wieder). Dieses Plakat fand sich auf vielen Wänden in der Stadt. Es bezieht sich auf den Schiffsunfall am 2.6.2019

David gegen Goliath

Vergessen wir nicht, dass die Vogalonga eine nicht wettbewerbsorientierte Veranstaltung der Gemeinschaft der Ruderer ist. Ein friedlicher Protest gegen die Schäden, die motorisierte Boote mit ihrem Wellenschlag anrichten, und gegen die Zerstörung der Lagune.

(Frei übersetzt aus dem Veranstaltungsflyer)

Bereits 1975 wurde die Idee geboren, einmal im Jahr auf diese Weise darauf aufmerksam zu machen, wie gefährdet Venedig durch das Überhandnehmen der kommerziellen, tourismusgetriebenen, motorisierten Schifffahrt ist. Und dass Traditionen, darunter die muskelkraftgetriebene Fortbewegung auf dem Wasser, verloren gehen. Seither – inzwischen zum 45. Mal – demonstrieren mit der Vogalonga Tausende und Abertausende gegen eine Entwicklung, die offenbar nicht aufzuhalten ist. Auch wenn die Veranstalter enthusiastisch formulieren

Der Erfolg der Vogalonga und ihrer Botschaft hat sich auf der ganzen Welt herumgesprochen unter denen, die Venedig lieben und möchten, dass sie die Stadt an der Lagune mit ihrem besonderen Charakter bleibt.

Okay, seitdem haben sich in Venedig mehr als 50 Rudervereine gegründet. Das ist ein schöner Trend. Aber wie wenig sich in der Sache gebessert hat, konnte man nicht zuletzt an der provozierenden Aktion der MSC Magnifica sehen. Ob es so gemeint war oder nicht, es zeigt einfach die Machtverhältnisse, die Gleichgültigkeit und Kaltschnäuzigkeit der großen Masse, die zwar die Bedrohungen unserer Umwelt zur Kenntnis nimmt, aber lustvoll an sich abperlen lässt. Für mich sind Kreuzfahrtschiffe nur die Spitze des Eisbergs. Wenn man sich die Dimensionen so eines Potts anschaut, dann muss der Eisberg darunter gewaltig sein. Und das ist er.

Nun haben wir also mehr oder weniger unfreiwillig “demonstriert”. So wie es die immer weniger werdenden “eingeborenen” Venezianer seit Jahrzehnten und immer wieder tun. Und ein Spruch sagt: “Spaß muss sein bei der Beerdigung”. So mancher hat den Schiffspassagieren noch zugewunken.

NO GRANDI NAVI steht auf der Fahne, die diese Venezianerin mit sich führt. Ohne dabei den Spaß an den schönen Dingen des Lebens zu verlieren.

Irgendwie fühlt sich inzwischen fast alles falsch an. Die Venezianer beklagen sich über die Touristen, die ihre Stadt kaputt machen, und leben doch davon. Die Ruderer aus aller Herren Länder bezeugen ihre Solidarität, indem sie mitrudern, tragen im selben Moment zur Verschmutzung der Stadt bei, konsumieren besonders viel Wasser aus Plastikflaschen (nur zum Beispiel) und ruinieren spätestens durch die Anfahrt ihren ökologischen Fußabdruck. Die Biennale-Besucher tun das gleiche, angelockt durch den Ruf der Kunst, die Vorstellung, durch die Auseinandersetzung damit irgendwie intellektuell geadelt worden zu sein. Nichts gegen die Kunst, sie ist wirklich wichtig, um uns wach zu halten, und die Preisträgerinnen des Goldenen Löwen haben mit ihrer Performance “Sun and Sea” den Nagel auf den Kopf getroffen. Aber was für ein Aufwand!

“NONOS sculptures embody a limitless love for life.” Text und Skulptur der Biennale-Künstlerinnen Mercedes und Franziska Welt.

In Venedig bekommt man die Probleme unserer Welt konzentriert serviert. Man muss allerdings hinschauen. Venedig ist eine “bellezza”, eine Schönheit mit hohem Unterhaltungswert, der nach besten Kräften ausgeschlachtet wird, durch die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Tourismus total korrumpiert. Venedig liegt in Italien, dessen politische Entwicklung man am liebsten ausblenden würde. Und wenn es so weitergeht mit dem Klimawandel, wird die Stadt irgendwann symbolträchtig absaufen. Da kann man wohl sagen: Wir leben in “interessanten” Zeiten. Und mir tut es Leid, dass ich so stinkig bin. Wenn man einmal angefangen hat, die Dinge so zu betrachten, kann man nicht mehr darüber hinwegsehen.

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