Die Vogalonga. Let’s Do it Together.

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Die Vogalonga ist ein MUSS für jeden Ruderer, zumindest in Westeuropa. Vom Rudertechnischen her eher uninteressant, aber toll, irgendwie, die Atmosphäre, die Sonne, die vielen, vielen Boote. Ja klar, die berühmte Stadt auf dem Wasser, wo Bootfahren Alltäglichkeit ist, und dann diese Kulisse! Wenn nicht hier, wo dann?

Als Anfang Mai mein Telefon klingelte und Jean Marc aus Sevilla nachfragte, ob wir dabei seien, haben wir deshalb nicht gezögert und sofort zugesagt. Dass wir mit einem internationalen Team aus Spaniern, Franzosen, Portugiesen und einer Schottin rudern würden, machte die Sache besonders reizvoll. Also auf nach Venedig! Eine bezahlbare Unterkunft zu besorgen, Boote dorthin zu schaffen, die Wege zu kennen und die Abläufe zu koordinieren, all das blieb uns erspart durch die hervorragende Arbeit unserer Voga-erfahrenen Organisatoren Jean Marc Leroyer (in Sevilla rudernder Franzose) und Eric Bardin (Frankreich). Wer diesen Komfort nicht genießt, mag sich z. B. hier bedienen.

Eric hat für uns die Strecke (Start / Ziel) aufgemalt.

Was ich über die Vogalonga wusste, weil es jedem Bericht zu entnehmen und auf jedem Foto zu sehen war: Dass es eine gewaltige Zahl von Teilnehmern gibt – in unserem Fall waren es ca. 8000, bei gut 2000 Booten. Dass 30 Kilometer und einige Engpässe zu bewältigen sind, insbesondere bei der Einfahrt in den Cannaregio und im Kanal selbst (die beiden roten Kringel). Dass hauptsächlich Ruderboote, aber auch viele andere mit Muskelkraft betriebene Bootstypen an den Start gehen, und dass es eine echte Herausforderung ist, das Ding zu manövrieren. Meine Aufgabe in unserem Doppelvierer: Steuern – was ich mir nie hätte träumen lassen, wenn nicht drei Monate zuvor mein rechter Fuß operiert worden wäre.

Morgens um 6 im Wassertaxi auf dem Weg nach Tronchetto ist es noch kühl und das Team munter – na ja, teil, teils.

Früh dran zu sein, sich einen Platz in den vorderen Linien zu ergattern und zügig durchzufahren war die Empfehlung gewesen, wenn man vermeiden wollte, im allgemeinen Chaos unterzugehen. Um es kurz zu machen: Wir haben das befolgt und waren nach drei Stunden am Ziel, wo man sich nicht lange aufhalten kann, weil andere Boote nachdrängen. Für mich waren es Stunden höchster Konzentration (Tunnelblick), für das Team echte Anstrengung. Verpflegungsstationen unterwegs haben wir kalt lächelnd links liegen gelassen, Pipipause gab’s nur eine, an einer Sandbank. Die beiden Deutschen (Volker auf Schlag, ich am Steuer) haben das Boot da durchgepeitscht, und unsere spanisch-schottischen Mitruderer waren von so viel Zielstrebigkeit offenbar völlig überwältigt und haben – nolens volens, aber sehr effizient – mitgezogen.

Wir Ruderer hatten es auf unseren Rollsitzen vergleichsweise gemütlich. Ich möchte nicht wissen, wie sich diese Technik auf eine Distanz von 30 Kilometern anfühlt. *
Da werden die Arme lahm. Wenn sie wollen, können Drachenboote erstaunlich schnell sein. *
Stundenlang stehend in einer Mönchskutte unter glühender Sonne oder im Doppelzweier mit zwei Steuerleuten ist bestimmt auch nicht “ohne”. *

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, die Vogalonga anzugehen. Entweder so, wie wir es gemacht haben (schnell), was vielleicht ein wenig der Leichtigkeit entbehrt, dafür aber auch weniger Leid bringt, wenn man von der physischen Anstrengung absieht. Wobei es sich in diesem Fall lohnt, sich einen Platz im vorderen Starterfeld zu ergattern (durch etwas dreistes Vorfahren über die Startlinie hinaus – juckt hier keinen). Oder im Mittelfeld, wo man mit einer ordentlichen Portion Humor und Gelassenheit ausgerüstet sein und viel Vertrauen in den Steuermann setzen muss. Dafür genießt man das allseitige, fröhliche Hallo und ist Teil der bunten, großen Masse (lustig). Oder als Schlusslichter, wo man viel Zeit und Ausdauer braucht sowie guten Sonnenschutz. Dann gehört man dazu, macht relativ entspannt sein eigenes Ding, vielleicht auch mit ausgiebigen Pausen an Land, steht aber nicht mehr im Mittelpunkt (gemütlich). Ein jeder nach seiner Façon.

Die Konkurrenz schläft nicht :-). So sieht das aus, wenn man vorn dran ist.

Man kann es natürlich auch so machen, wie einige, die wir kurz vor dem Ziel noch überholt haben. In pinkfarbenen Tüll gehüllte Damen etwas größeren Volumens z. B. (nicht auf dem Foto oben), bei denen wir die leise Vermutung haben, dass abgekürzt wurde, und zwar in großem Stil. Das nimmt hier keiner krumm und führt nicht zu Disqualifikation. Die Vogalonga ist keine Regatta im eigentlichen Sinn. Unsere spanische Crew jedenfalls war mit ihren auffällig bedruckten T-Shirts, den angesteckten Nelken und schwarzen Hüten ein echter Hingucker, und das gehört auch zur Show. Crewmitglied Alberto aus unserem Boot schreibt in seiner Abschieds-Nachricht (WhatsApp): “Ha sido un placer conoceros a todos … peeero la próxima Vogalonga iré con melena, clavel y sombrero cordobés para irme con esas malagueñas”. (Es war ein Vergnügen, euch kennengelernt zu haben … aaaber bei der nächsten Vogalonga trete ich mit langen Haaren an, mit Nelke und Hut aus Córdoba, um mit diesen Frauen aus Málaga mitfahren zu können).

So ausgestattet, zieht man die Augen der Beobachter auf sich. Und in der Mitte Jean Marc als “Hahn im Korb”. **

Jedenfalls, bei allem Spaß und aller Gelassenheit: Anstrengend ist die Sache, und das beginnt bereits im Vorfeld. Unsere Boote wurden in Tronchetto aufgeriggert. Das ist eine künstliche Insel in der Lagune mit Parkhäusern und einer großen, geteerten, schattenlosen Parkfläche, wo viele Teams ihre Fahrzeuge, Hänger und Boote lagern. Ein einziger Bootssteg mit einem schmalen Zugang steht zur Verfügung, um die Boote zu Wasser zu lassen und wieder auszuheben. Entsprechend groß ist das Chaos. Nicht wenige andere Teams haben ihre Boote am Ufer eines der Kanäle deponiert und hatten es zumindest morgens leichter, an den Start zu gelangen.

Die Mannschaft der UNO macht das super, nicht allen ist das so gelungen.

Mit dieser Liste, zusammengestellt aus verschiedenen Quellen, habe ich meinen Job als Steuerfrau vorbereitet. Nur das Nötigste …


Ein Geheimnis einer gelungenen Vogalonga ist das Zusammenspiel der Teams und überhaupt aller Teilnehmer. Davon hängt vieles ab. Auch wenn ich nicht sicher bin, ob “unser Boot” (zwei Spanier, eine Schottin, zwei Deutsche) optimal durchgekommen ist, so finde ich es doch faszinierend, wie flexibel und diszipliniert sich alle gegeben haben. Wir hatten uns vorher noch nie gesehen, waren noch nie gemeinsam gerudert, einige andere aus der Gruppe ebenfalls. Es wurde Spanisch gesprochen, Französisch, Englisch und sogar Deutsch, und keineswegs alle haben all diese Sprachen beherrscht.

Ich habe schon öfter gehört, dass das, was den Menschen gegenüber anderen Lebewesen auszeichnet und für seinen entwicklungsgeschichtlichen Erfolg verantwortlich ist, die Fähigkeit zur Kooperation ist. Das mag man gern glauben, und hier kann man es erleben, im Kleinen wie im Großen. Wenn ihr mich fragt: Allein dafür lohnt es sich, nach Venedig zu fahren.

Adiós, au revoir, bye bye, auf Wiedersehen.

*
Kaputti …. Aber mit Medaille.


Die mit * gekennzeichneten Fotos stammen von Eric Bardin.
Fotos mit **: Dulce Gallart e Alberto Perez Torrus

Weitere hilfreiche Informationen über Anreise und Aufenthalt in Venedig hier.

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