Schleusentrauma

Oder: Ohne Fleiß, kein Preis. Oder: Gut’ Ding will Weile haben. Oder: Ende gut, alles gut. Das jedenfalls war es, als wir am 12. August 2019 nach ca. 8 Stunden aus unseren Booten geklettert sind. Die geruderte Strecke dürfte dabei um die 30 km gelegen haben, die überwundene Distanz um die 20. Aber von vorn: An diesem Sonntag hatten sich Ruderer aus Nürnberg, Erlangen und Bamberg zusammengefunden, um vom Bamberger Bootshaus aus Richtung Westen nach Eltmann am Main zu fahren.

Der Anfang und das Ende eines Ruderausflugs besteht immer aus dem lästigen Aufriggern und Abriggern. Weh dem, der da keinen 10er Schlüssel dabei hat ;-).

Das Besondere daran: Es sind drei Schleusen zu überwinden. Das erfordert einige Organisation. Theo Müller von der BRG hatte sowohl die Befähigung als auch die Berechtigung, die Bamberger Schleusen zu bedienen, musste mit dem Rad von der einen zur anderen Schleuse flitzen, telefonisch mit den Ruderern Kontakt halten und dann von oben herab mit ansehen, wie wir unten herumgeeiert sind.

Der Platz auf der Eins ist nicht unbedingt mein Lieblingsplatz, so auch dieses Mal. Dass ich das Stechpaddel mit Bootshaken bedienen soll, ist mir ebenfalls nicht geheuer.

Das absolute Nadelör, aber auch ein Highlight des Ausflugs ist die Schleuse 100, die letzte Schleuse des Ludwig-Main-Donau-Kanals. Nur wenige Hundert Meter nördlich des Bootshauses, da, wo die eigentliche Altstadt beginnt, liegt sie als eine der charmantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Sie ist ± 160 Jahre alt und bietet gerade einmal 4 Vierern Platz. Für die Bamberger Ruderer, die diese Erfahrung noch nicht gemacht haben (ich zum Beispiel), war es durchaus abenteuerlich: Normalerweise fahren wir nur bis zum Bootshaus, da kennen wir uns aus. Wie schnell uns die Strömung nach Süden tragen würde, wie abrupt der Abzweig zur Schleuse auftauchen würde, das hat uns alle überrascht, so dass wir mit “Schmackes” in die Schleuse eingerauscht sind. Wer schon Schleusen gefahren ist, weiß, dass der Aufenthalt darin für Ruderer nicht einfach ist. Leichte Hektik und Unsicherheit am Anfang sind normal, und dennoch gilt es, Ruhe zu bewahren. Auf der einen Seite die steile Schleusenmauer und die Skulls lang, auf der anderen das Nachbarboot, das man möglichst nicht touchieren sollte (also gilt in diesem engen, historischen Modell auf beiden Seiten “Skulls lang”) – ein echter Balanceakt. Nicht unbedingt gemütlich.

Klaus vom Ruderverein Erlangen und Anne vom Nürnberger Ruderverein sind gut drauf.
Ich eher skeptisch.

Ist die Schleuse überwunden, wird es erstmal richtig großartig. Mit dem Ruderboot durch eine Stadt wie Bamberg zu fahren, ist schon etwas Besonderes. Die Perspektive von unten, das Fahren mittendurch, freier Blick, unbehelligt von all den anderen (Touristen), das ganze bei Kaiserwetter und vorangetrieben von Muskelkraft – besser geht’s nicht, oder?

Das historische Bamberger Rathaus im Hintergrund, im Vordergrund eine Anleihe bei einer anderen pittoresken Stadt …
von der sich Bamberg hier sogar den Namen entlehnt: “Klein Venedig”.

Das Warten auf die zweite Schleuse an der Erba-Insel, die den Ludwig-Donau-Main-Kanal über die Regnitz zum Main-Donau-Kanal führt, ist eine echte Geduldsprobe, die viele nutzen, um bereits einen großen Teil ihres Proviants zu verzehren. Aber es ist auch wunderschön, diesen ruhigeren, in intensives Grün eingebetteten Teil des Flusses zu durchfahren, was wir mehrmals tun, um uns die Wartezeit zu verkürzen. Und so kommen ein paar zusätzliche Kilometer zusammen, die sich am Ende aufaddieren. Für die Steuerleute ist die ganze Sache allerdings nicht “ohne”. Die Strömung des Flusses, das richtige Timing vor den Schleusen, die sichere Ein- und Ausfahrt und der Aufenthalt dort – ständig müssen Entscheidungen getroffen und Kommandos gegeben werden. Und bitte die richtigen. Ab hier jedenfalls wird die Aufgabe leichter und der Charakter der Umgebung anders.

Plötzlich Platz. Im Hintergrund Teile des Bamberger Hafens, rechts die Spitze der Erba.
Hoch, tief und breit. Aber auch hier – Schleuse Viereth – wollen wir nicht kentern.

Der Rest ist schnell erzählt. Wir warten noch einmal eine gefühlte Ewigkeit vor der Schleuse Viereth, die wir allerdings für eine Pause an Land nutzen. Diese Schleuse ist ein anderes Kaliber als die anderen und bietet Platz für zwei Binnenfrachter, die schon mal 100 Meter und mehr Länge und entsprechende Breite haben können. Also auch ganz locker für uns. Danach ist richtig rudern angesagt, die gut 10 Kilometer bis Eltmann können wir kräftig durchziehen, lediglich beeinträchtigt durch eine Reihe von Wasserskifahrern und ein “Spaßboot” = ein hoch aufragendes und offenbar auch entsprechend motorisiertes Sportboot mit potenter Musikanlage, das ein Schlauchboot voller johlender junger Leute hinter sich herzieht. Bei dem unfreiwilligen Wellentraining, das sich daraus für uns ergibt, ist man hin und her gerissen, was man davon halten soll. Wobei meine Haltung ganz klar ist. Für motorisierten Freizeitspaß habe ich gar nichts übrig. Ich finde es rücksichts- und gedankenlos, nicht nur uns, sondern auch der Umwelt gegenüber.

Alles hat irgendwann ein Ende und wir landen am späten Nachmittag im Yachtclub Eltmann, wo wir freundlich und hilfsbereit aufgenommen werden. Abriggern, einkehren (echt super im Mainkiosk), fertig.

Ein Dankschön an Ellen, die die Organisation in die Hand genommen hat, und wie das immer so ist bei sowas, auch einiges an Frustrationstoleranz aufbringen musste. Nichts ist perfekt, aber alles super.

Foto Schleuse Viereth: Rainer Kornherr
Alle anderen außer Titelfoto: Klaus Wolfrum

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