Rudern und drumrum

Lisboa, não sejas francesa … Tu és portuguesa*

Diese Textzeilen der großen portugiesischen Fadosängerin Amália Rodrigues – ich kann kein Portugiesisch, aber ihr Sinn erschließt sich auch so – hätten gut zu unserer letzten Wanderruderreise gepasst. Denn frisch in Lissabon angekommen (am 7.11.2019), waren wir kurz darauf von gut 30 munteren Franzosen umringt, die alle – so wie wir – dem Ruf von Georges Lippens gefolgt waren. Georges ist Belgier, Ruderer und Mitglied im ANL, der Associação Naval de Lisboa, also dem, sagen wir (ohne Portugiesischkenntnisse) nautischen Club von Lissabon. Kennen gelernt haben wir uns in Venedig im Juni bei der Vogalonga.

Ich muss gestehen, so richtig strukturiert und umfassend kann ich über diesen Ausflug nicht berichten. Wer da wen und warum kannte, wer zu welchem Club gehörte – Lyon oder Cannes – oder sogar Portugiese war, das ist mir in dem allgemeinen Trubel nicht klar geworden. Meine über 40 Jahre nicht genutzten Französischkenntnisse ließen auch zu wünschen übrig. So haben wir uns einfach mitziehen lassen.

Und gleich am Anreisetag, völlig überraschend abends im Dunkeln, bei Nieselregen und mäßigen Temperaturen, die Boote zu Wasser gelassen. Das Video von Marie-Claude & Joce vermittelt einen schönen Eindruck von der Stimmung.

Video: abendliche Ruderausfahrt auf dem Tejo

Außerdem haben wir mit einem Amphibienfahrzeug eine Stadtrundfahrt gemacht und auf das Kommando Hippo Hippo hin die Arme in die Luft werfend Hurra geschrien, in Setúbal einen alten Holzsegler bestiegen, mal wieder in einer Jugendherberge geschlafen, öfter mal ausgezeichnet und auch mal ziemlich elementar gegessen (aber meistens ziemlich spät, was für Franzosen und Portugiesen kein Problem ist), einen Ausflug ins Hinterland mit Weinprobe unternommen, und sind zum ersten Mal Riemen gerudert.

Ganz und gar ungewohnt, dieses Riemenrudern. Um nicht aufzufallen, und weil wir die französischen Kommandos ohnehin nicht verstanden hätten, haben wir uns auf Pos. 1 und 2 verkrümelt.

Der ANL ist ein großer, gut ausgestatteter Verein (obwohl die Damen-Umkleiden zu wünschen übrig lassen – übrigens kein Einzelfall) mit den Sparten Segeln und Rudern, wobei die Örtlichkeiten der Segler unweit des Seefahrerdenkmals liegen und mit ihrem Clubhaus inkl. Restaurant deutlich vornehmer wirken als die der Ruderer. Das Bootshaus liegt unmittelbar neben der Ponte 25 de Abril. Diese ist im wesentlichen eine Stahlkonstruktion, die Fahrbahn ein Stahlgitter. Der Lärm der darüberfahrenden Pneus und der hindurchratternden Bahn auf der unteren Ebene ist ohrenbetäubend und entspricht in etwa dem im Zentrum eines Hornissennests (so stelle ich es mir jedenfalls vor). Dass die Einflugschneise der Flugzeuge direkt darüber liegt, ist eigentlich ein kluger Schachzug. Außer mir hat kein Mensch ein Wort darüber verloren. Höflichkeit (der Gäste)? Gewohnheit (der Vereinsmitglieder)? Kann gut sein.

Jedenfalls hatten wir ausreichend Gelegenheit, zwischen uns und die Brücke Abstand zu bringen. Wobei, wie man unten sehen kann, die Bedingungen durchaus unterschiedlich waren.

Vorbei am Torre de Belém, im Hintergrund die berühmte Brücke.
Der Praça do Comércio in voller Pracht.

Ein Überblick über die Sehenswürdigkeiten Lissabons findet sich hier.

Es ist oft windig auf dem Tejo (Tagus nennen ihn hier die Portugiesen), das Meer ist nah. Entsprechend hat das Rudern schon viel von Coastal Rowing. Die Boote sind relativ leicht, breit und stabil, und machen das mit. Natürlich haben wir auch Skiff-Fahrer gesehen. Mir als Breitensport-Ruderin und Späteinsteigerin ist es schleierhaft, wie das geht. Aber es geht. Im September 2020 werden übrigens die World Rowing Coastal Championships in Oeiras ausgetragen, einem Vorort von Lissabon. Zu gern wäre ich dabei – als Zuschauerin.

Ausflug ins Hinterland nach Avis

Wer Avis im Internet sucht, hat es nicht leicht. Es empfiehlt sich unbedingt, „Portugal“ dazuzuschreiben oder „Alentejo“, und selbst dann … (Hier die Info bei Wikipedia). Dass Avis kein kleines, unbedeutendes Städtchen ist, sondern für Wassersportler interessant, zeigt dieser Post auf Instagram, der vor ein paar Tagen veröffentlicht wurde:

Tja, ein illustres Gewässer also, rudertechnisch betrachtet, das da noch auf unserem Reiseplan stand. Das Team Deutschland-Achter beschreibt die Ruderbedingungen in Avis als hervorragend. Für uns sah das anders aus. Einen Vierer durften wir zu Wasser lassen, und als Entschädigung mit lustigen kleinen Kajaks Kreise ziehen. Ich will mich nicht beklagen. Der Ort Avis ist wunderschön und besonders nachts geradezu verwunschen romantisch, und die Lage des Sees ist toll. Aber auch Portugal hat ein extrem trockenes Jahr erlebt, ich weiß nicht, das wievielte in Folge. Der Wasserspiegel des Stausees Barragem do Maranhão treibt einem die Tränen in die Augen und ist der Grund dafür, dass wir uns zurückhalten mussten. Der Klimawandel lässt grüßen.

Frau Schröder auf Schlag. Natürlich …
Bunte Bötchen. Die Höhe des Wasserspiegels, wie er sein sollte, sieht man auf allen Bildern.

Portugal nur zum Rudern besuchen, wie es der Deutschland-Achter macht, ist vielleicht nicht die beste Idee. Das Land hat zu viel zu bieten, was man sonst noch sehen muss und per Ruderboot nicht erreichen kann. Aber die 15 Euro Rollsitz-Gebühr des ANL sind jedenfalls gut angelegt, um Lissabon einmal vom Wasser aus zu „erfahren“, und die Portugiesen begegnen einem offen, wenn man diesen Wunsch äußert. Wie überhaupt sie unheimlich nett und entspannt sind. Wir hatten eine interessante und teilweise herausfordernde „Wanderruderreise“ mit Georges und den Franzosen, die bestimmt einzigartig war. Die gelassene und fröhliche Einstellung aller Beteiligten hat dazu nicht wenig beigetragen.

Zu zweit sind wir ein paar Tage länger geblieben und drauf und dran, uns nachhaltig in das Land zu verlieben. Anbei noch ein paar Eindrücke.

Einige der zahllosen Graffitis in der Bahnunterführung Alcântara-Mar, die auch zum Ruderverein führt. Mehr davon gibt es verteilt in der ganzen Stadt.
Hier gibt’s Bacalhau

Als Kind habe ich eineinhalb Jahre in Lissabon gelebt. Eine meiner wenigen Erinnerungen, die nicht aus Erzählungen stammen können, sind die Gerüche aus den Geschäften, in denen Bacalhau (getrockneter Kabeljau) und getrocknete Schinken sowie Bohnen aller Art verkauft werden. Lissabon wird derzeit von Immobilien-Investoren aufgekauft, Airbnb & Co. machen sich daran, das ursprüngliche Flair zu zerstören. Eine zwiespältige Angelegenheit – eine renovierende Hand haben viele Gebäude durchaus nötig, und den Einheimischen fehlt oft das Geld. Außerdem lockt die Gier. Aber was wird dann daraus?

Hippo, Hippo, hurra! Mit diesen Dingern (Fahrzeug im Hintergrund) geht’s auch ins Wasser.
Ob die Religion immer noch so eine große Rolle spielt wie früher? Die große Mehrheit der Portugiesen bekennt sich noch heute zum katholischen Glauben. Hier ein Motiv aus Oeiras.
In Setúbal geht es ruhiger zu als in Lissabon.
Hier spiegelt sich die Novembersonne.

Und für alle, die wie wir einmal in die Verlegenheit kommen, auf französische Ruderkommandos hören zu wollen, hier ein Link, der – vorausgesetzt, man versteht den Begleittext – weiterhilft. Oder, aus der WhatsApp-Kommunikation mit louisfranckmasse:

Pour le départ: „pèles au carré, couleurs couvertes, sur l’avant“ (en demi-coulisse pour un départ de course) ou bien „pèles à plat sur l’eau, sur l’arrière“ (jambes tendues). Au début de l’entraînement, on commence doucement: „brad-corps“ = jambe tendue, on tire avec le dos et les bras. Ensuite, „demi-coulisse“: on pousse sur les pieds sur la moitié de la longueur de la coulisse. Ensuite, „coulisse entière“: on pousse le plus loin possible et on revient doucement „loin sur l’avant“. Pour changer rapidement de direction, il dira „forcez bâbord ou tribord“. Pour l’arrêt d’urgence (c’est là que les régions sont différentes), le barreur „sciez !“ = les pèles sont maintenues verticalement dans l’eau. Quand il faut ramer en reculons, il dira „dénagez“.

🙂

* Meine Übersetzung des Liedtextes von Amália Rodrigues: Lissabon, du bist keine Französin, du bist Portugiesin.

Das Foto im Achter vor dem blauen „Lisboat“ stammt von Nathalie, Nachname unbekannt. Der Rest wie immer von mir.

2 Antworten zu „Lisboa, não sejas francesa … Tu és portuguesa*“

  1. Ernst

    schrieb:

    Der Bericht ist – wie bei dem Blog üblich – SUPER und mit einem sympathischen Hang zur Vielsprachigkeit geschrieben und bietet interessante Info über ein mir unbekanntes Land. Allerdings erschließt sich dem Leser nicht – Kindheitserinnerungen ausgenommen -, warum man sich „nachhaltig in dieses Land verlieben“ kann – aber mit Gefühlen ist das halt so eine Sache ….

    1. So ist das halt mit der Liebe. Wirklich begründen kann man sie nicht. Und wie nachhaltig dieses Gefühl sein wird, das werden wir sehen. Danke für diesen tollen Kommentar.

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