Eigentlich steckt in mir ein heimlicher Couch Potato. Wenn mich nicht ab und zu einer am Rockzipfel packt, bringe ich es fertig, mich zwölf Monate im Jahr überwiegend in einem Radius von fünf Kilometern (Fuß oder Fahrrad) oder einer halben Stunde Fahrt (Auto, Bahn) zu bewegen – und somit Wichtiges und Schönes zu verpassen*. Die Fahrt mit der Bahn von Tutzing nach Penzberg dauert 27 Minuten und liegt deshalb zum Glück innerhalb dieses Limits. Dort durfte ich heute eine Entdeckung machen. Ich habe das zauberhafte Museum Penzberg besucht.
Dessen Hauptattraktion ist die Sammlung Campendonk.
Heinrich Campendonk war das jüngste Mitglied der Gruppe Blauer Reiter und wohnte zwischen 1911 und 1922 in der Region. Er ist weniger bekannt als seine Künstlerfreunde Marc, Kandinsky und Macke, umso erfrischender wirken seine Arbeiten. Etwas Besonderes sind seine Hinterglasmalereien, deren Technik das Museum anschaulich in Szene setzt. Penzberg beherbergt hier die größte Sammlung seiner Werke.

Für mich hat das Museum zwei Hauptattraktionen, und die zweite ist das Haus selbst und die Art, wie es kuratiert ist. Da ist zunächst die schlichte Architektur des Gebäudes, das aus einem alten und einem neuen Teil besteht. Beide wurden geschickt aufeinander abgestimmt, beide Teile haben einen eigenständigen Charakter und gehen dennoch eine überzeugende Verbindung ein, das Neue zitiert das Alte, dominiert optisch, aber stellt sich daneben wie eine große, beschützende Schwester. Ich liebe gute Architektur, sie ist so selten.
Die Räume im Inneren sind klein, und es gibt Türen, was für ein modernes Museum ungewöhnlich ist und sicher mit der geringen Grundfläche des Hauses zu tun hat. Es geht rauf und runter (Aufzug ist vorhanden) und vom Einen ins Andere, vom Alten ins Neue und umgekehrt – mich hat es nicht gestört. Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst auf dem bayerischen Land aufgewachsen bin, das Haus der Großeltern mit seinen winzigen Räumen geliebt habe und auch vom Elternhaus Bescheidenheit in der Fläche kannte. Die Bergarbeiterwohnung, mit der das Museum einen Einblick in das Leben der Penzberger Bevölkerung „damals“ gibt, bringt dies auf den Punkt.
Auch wenn hier viel auf wenig untergebracht ist, was mich in der Regel leicht überfordert, hat mich das Ganze dennoch total überzeugt. Denn das, was zu sehen war, passte thematisch zusammen – Campendonk mit seiner regionalen Verbundenheit, die Einblicke in die Geschichte der Bergarbeiterstadt Penzberg und die unglaublich tollen Bilder von Bernd und Hilla Becher, die jahrzehntelang Industrieanlagen fotografiert haben, darunter viele aus dem Bergbau. Alles schlicht präsentiert, nichts überfrachtet, Konzentration aufs Wesentliche.

Wie gesagt, ich habe einen Teil meiner Kindheit und Jugend in der Nähe verbracht. An das frühere Penzberg erinnere ich mich als unattraktiv. Das ist 50/60 Jahre her. Damals war mein Blick auf die alte Industriekultur ein verächtlicher; die darin liegende Schönheit musste erst entdeckt werden. Schmutzige Monster aus Beton und Stahl, die nutzlos in der Gegend herumstehen, Häuser, Straßen und Menschen in Grau (Das Schwimmbad kam vermutlich erst später). Nichts zog mich dorthin. Sieht so aus, als habe sich seither viel verändert, zum Glück manches zum Guten. Im Museum finde ich auch zahlreiche Flyer mit kulturellen Angeboten in der Stadt und ringsum. Da lohnt nochmal ein genauerer Blick.
Ich empfehle übrigens vorab einen Besuch der Website, die ebenfalls gut gemacht ist und mit Bildern das Ganze anschaulich macht. Meine Idee war nicht, das Museum und seinen Inhalt wie eine Bildbeschreibung vorzustellen, sondern meinen Eindruck wiederzugeben. Und der ist durchgängig positiv. Auf geht’s!
* Abgesehen natürlich von unseren Ausflügen nach Portugal, siehe meine Beiträge unter diesem Stichwort.

