Rudern und drumrum

Cy Twombly – Lepanto

Ab und zu gehe ich ins Museum, und dort – wie anderswo auch – beobachte ich, wie sehr meine Wahrnehmung inzwischen durch meinen Sport geprägt ist. Überall sehe ich Ruderboote. Das ist nicht weiter schlimm, es sind ja keine rosa Elefanten. Es ist lediglich so, dass sich Ruderboote in mein Blickfeld schieben, wo immer sie auftauchen. Deshalb habe ich sie auch sofort erkannt auf den doch eher abstrakten Gemälden von Cy Twombly im Museum Brandhorst in München. Diese bananenförmigen Längsgebilde mit nach unten abgespreizten, aufgefächerten Linien, das können ja nur Ruderboote sein. So erzählt das, was der eine oder andere als undefinierbare Kleckserei empfinden mag, plötzlich doch eine ziemlich konkrete Geschichte. Wenn man dann weiß, dass der Raum, in dem diese Bilder hängen, komplett dem 2001 entstandenen Bilderzyklus „Lepanto“ gewidmet ist, dann kann man sich im Internet (oder anderswo) schlau machen und erfahren:

Am 7. Oktober 1571 besiegte die „Heilige Liga“, eine Allianz aus spanischen, venezianischen und päpstlichen Truppen unter der Leitung von Don Juan de Austria, einem unehelichen Sohn von Karl V. und Halbbruder des spanischen Königs Philipp II., die zahlenmäßig überlegene Flotte der Osmanen bei Lepanto (dem heutigen Nafpaktos) am Golf von Korinth und leitete damit den Niedergang der osmanischen Vorherrschaft im Mittelmeer ein. Über 50.000 Soldaten starben in diesem größten Seegefecht der Geschichte.

(Aus einem Beitrag von Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann zur Eröffnung des Museums Brandhorst)

Die Stellung der Riemen in dieser Darstellung ist mustergültig, da hat der unbekannte Künstler vermutlich geschönt.

Wie man den historischen Hintergrund mit der Interpretation durch Twombly in seinen Bildern verknüpft, erfordert, dass man etwas tiefer in die Kunstgeschichte einsteigt. Ich will nicht zu weit gehen, aber wen es interessiert, dem empfehle ich die Lektüre des Textes von Prof. Dr. Carla Schulz-Hoffmann, der dabei hilft, Twomblys abstrakte Kunst zu verstehen. Das kann ja nicht schaden. Denn selektive Wahrnehmung bedeutet auch, anderes nicht wahrzunehmen, sich freiwillig – meist unbewusst – einzuschränken. Und dazu ist die Welt eigentlich zu bunt und zu schön.

Zum Thema „selektive Wahrnehmung“ bin ich übrigens auf ein Video (selective attention test) gestoßen, das mich sehr irritiert hat. Ihr findet es auf: Selektive Wahrnehmung – ein Beispiel und Test. Da bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

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