Dan Flavin im Fischerbau in Polling: Kontrast und Analogie

Da lebt man also im schönen Oberbayern, ja gar im „Pfaffenwinkel“, eingebettet in hügelige Grünlandschaften mit sattem Weidevieh. Die Kirchen tragen Zwiebeltürme, die Häuser breite Gesichter, üppigen Blumenschmuck und manche sogar Lüftlmalerei. Der Mensch trägt Tracht, so er kann und mag. Ein Blümchen hier, ein Bändchen da, ein Bärtchen dort, das hat man gern, das mag der Bayer, und der Tourist erst recht. Trotz trüber Witterung sitzen einige davon im Biergarten der Alten Klosterwirtschaft in Polling, gebeugt über Obatzd’n und Leberkäs-Ei, und nur wenige überwinden die paar Meter rüber zum Fischerbau und lassen sich auf Dan Flavin ein.

Fischerbau Polling

„It is what it is and it ain’t nothing else“ wird der 1996 verstorbene Flavin zitiert, und mit dieser Haltung steht er in deutlichem Gegensatz zu den hierzulande allgegenwärtigen Manifestationen von Barock und Rokoko („Sie bewegen die Sinne, vergnügen und belehren, ja überwältigen den Betrachter“, schreibt der Tourismusverband Pfaffenwinkel auf seiner Website). Dan Flavins Installation aus Leuchtstoffröhren, die quasi unfotografierbar ist (die Farben lassen sich nicht originalgetreu wiedergeben) und daher von den Kuratoren für Fotos gebannt, ist Licht und Farbe und Geometrie und Form im Raum und erschließt sich bayrischen Sehgewohnheiten vermutlich schwer oder gar nicht. Aber die mehr als 2000 Besucher, die den Weg in den Fischerbau seit Mai des Jahres gefunden haben, sind davon sicher genauso fasziniert wie ich.

Der Fischerbau wurde als Märzenbierkeller von Johann Michael Fischer 1745/46 erbaut. Der war ein vielbeschäftigter Architekt, u. a. hat er die Stiftskirche des Marienmünsters in Dießen erbaut. Seiner ursprünglichen Funktion dient der Keller schon lange nicht mehr; das Gebäude ist heute ein schlichter Raum von, man möchte sagen: natürlicher Schönheit, mit Mut zur Reduktion restauriert, und in privater Hand. Ein Ort heute ganz anderer Kultur, der den Geist der Vergangenheit atmet und sich dabei öffnet für das Neue, Moderne.

Fischerbau innen

In ihrer klaren Konzeption treffen sich die beiden Werke – der große, offene Raum eignet sich perfekt für die eindringliche, ca. 30 Meter lange Arbeit Flavins. In ihrer Geschichte, den Materialien, dem jeweiligen Zeitgeist könnten sie unterschiedlicher kaum sein und liefern inhaltlich gegensätzlich belegte Informationen: das eine ursprünglich ein Zweckbau, das andere, gemäß Flavin, zweckfrei, einfach das, was es ist. Weiches, lebendiges, von Hand bearbeitetes Holz gegen kalte, industriell gefertigte Leuchtstoffröhren. Begegnung im Kontrast.

Ein Besuch von „untitled 1970“ blue and red fluorescent light lohnt sich für Leute, die nicht erwarten, unterhalten zu werden. Die mit Reduktion etwas anfangen können, sich gern auf Weniges konzentrieren und sich Zeit nehmen, seine Wirkung zu erspüren. Das Werk strahlt in die Stille des Raums. Allein schon wegen dieser Stille würde ich wieder hingehen. Das ist wieder möglich bis 1. Oktober 2017, jeweils samstags und sonntags nachmittags. Weitere Informationen hier.

Fischerbau Fenster
Die Installation spiegelt sich im Fenster. Und meine Fotos, mit denen ich das Verbot etwas schlitzohrig umgangen bin, zeigen deutlich das Farb-Problem. Spannend. Trotzdem.

 

2 Gedanken zu „Dan Flavin im Fischerbau in Polling: Kontrast und Analogie

  1. Wie ich sehe, warst du schon dort. Tolle Fotos, guter Bericht und ich hoffe, wir schaffen es noch mal dort hin.
    Gruß Annette

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