… und ein Ruderboot auf der Ria Formosa
Diesen Beitrag zu schreiben, fällt mir nicht leicht. Ich hatte ja angekündigt, unter #Portugal, mich weiterhin über unsere schlechten Erfahrungen in diesem Land auszulassen. Und es gäbe zweifellos noch jede Menge zu sagen. Mich nerven oft die Influencer auf Instagram & Co., die nicht müde werden, Portugal zu romantisieren. Wer sich dieses Jahr im Januar und Februar dort aufgehalten hat, konnte das Fürchten lernen. Die Verwüstungen, die das Wetter im Süden Europas angerichtet hat, haben auch Portugal einen schweren Schlag versetzt. Wer sich nicht gerade zu den Leugnern des Klimawandels zählt, kann sich Sorgen machen, was die weitere Entwicklung der klimatischen Bedingungen in dieser Region (und überall) zukünftig noch anrichten wird. Die Politik, die Menschen müssen mit den Schäden erstmal fertig werden. Das Geld, das dafür aufgewendet werden muss, fehlt anderswo, und Portugal hat zweifellos noch immer einen hohen Nachholbedarf in vielerlei Hinsicht.
Wir jedenfalls waren dort – wochenlang, bei Regen und Sturm, und hatten uns diesen Aufenthalt anders vorgestellt. Wir sind Wiederholungstäter und haben uns sehenden Auges noch einmal in ein portugiesisches Abenteuer gestürzt. Über das Warum-nicht und das Warum-doch könnte ich ein Buch schreiben. Aber, um es kurz zu machen, es gibt nicht so viele Alternativen, wenn man dem deutschen Winter aus dem Weg gehen, aber noch in erreichbarer Nähe bleiben will und schon ein paar passable Brocken Portugiesisch spricht.
Tavira heißt die Stadt in der Algarve, in die wir uns verguckt haben. Sie ist wirklich wunderschön, nicht verbaut, ziemlich entspannt, liegt nah am Meer und wird geteilt vom Fluss Gilâo, der sich mit den Gezeiten hebt und senkt und auf Bewohner und Besucher eine magnetische Anziehungskraft ausübt.


Eine Besonderheit dieses Teils der östlichen Algarve ist die Ria Formosa, ein 60 km langes Naturschutzgebiet, das dem Festland vorgelagert ist. Einfach erklärt, ist es wie eine sehr lange Sandbank, die eine Barriere bildet zwischen dem Meer und dem Land. Strandurlauber müssen hier erst einen meist zerklüfteten Wasserlauf überwinden, um zu den Dünen zu gelangen und sich dort unter den Sonnenschirmen auszustrecken. Das geht mit der Fähre, an einigen wenigen Stellen bei Ebbe auch zu Fuß und an einer einzigen Stelle über eine Fußgängerbrücke. Das hält den einen oder anderen davon ab, hier Dauerurlaub zu machen.
Als Ruderer schaut man auf dieses geschützte Stück Wasser, und es juckt einen in den Fingern. So ging es auch uns, aber weit und breit kein Ruderverein. Gerudert wird in Portugal ab knapp südlich von Lissabon (siehe Setúbal, unsere erste Anlaufstation und vermutlich der letzte Verein Richtung Süden) bis nach Norden, über Porto bis Braga. Die Costa Vicentina, also der Südwesten, und die westliche Algarve unterliegen noch deutlich dem Einfluss des Atlantiks, der mit seiner Rauheit die Küste zerklüftet und vor allem Surfer anlockt. Nach Osten hin verläuft sich das.

Kein Ruderverein an der Algarve, so sah es aus. An der ganzen Südküste der iberischen Halbinsel konnten wir keinen finden, jedenfalls keinen, wie wir ihn kennen. Bis eines Tages … ich mich an einen berühmten Text erinnert fühlte:
Wir befinden uns im Jahre 2026 nach Christus. Ganz Südportugal ist von sonnenhungrigen Ausländern besetzt, die nichts anderes im Sinn haben als am Strand rumzufläzen, Fisch zu essen und Fado zu hören … Ganz Südportugal? Nein! Ein von einem unbeugsamen Briten erobertes Stück Boden (ca. 10 qm) mit einer bunt gemischten Anhängerschaft (ca. 12) hört nicht auf, dem unsportlichen Nichtstun Widerstand zu leisten. …

Also im Klartext, es gibt einen Ruderverein, und der hat seinen Sitz in Tavira, gewissermaßen bei uns um die Ecke. Wer Asterix und Obelix kennt, der kennt auch den Spruch „Die spinnen, die Briten“ (ursprünglich die Römer, aber die beiden haben dieses Etikett gerne auch anderen Nationalitäten aufgeklebt). Also David Mapley, im Ursprung Brite, aber besser bezeichnet als Weltenbürger, ist dieser Verrückte, der sich vor ein paar Jahren in den Kopf gesetzt hat, hier einen Ruderclub aufzubauen. Er hat sich mit dem portugiesischen Ruderverband und dem örtlichen Segelverein auseinandergesetzt, ein paar Quadratmeter Fläche für Trailer und Motorboot ausgehandelt und das Recht, im kleinen Hafen Boote zu Wasser zu lassen. Er hat eine kleine Anhängerschaft zusammengetrommelt, und wenn ich es richtig sehe, hat er auch alle Anschaffungen getätigt; über Geld haben wir bisher nicht gesprochen. Er hat die Website erstellt und ist, wie es aussieht, selbst sein wichtigstes Vereinsmitglied.
Also wir Kontakt aufgenommen, und selbstverständlich kam es zu einer Ausfahrt. Ich mit David im Rennzweier, ein paar Zeilen dazu im nächsten Beitrag.
Das Ruderrevier, die Ria Formosa, ist nur bei Flut befahrbar. Die Sandinsel schirmt das Wasser von zu starkem Wellengang ab, aber der Wind kommt natürlich auch hierhin. Deshalb ist der Blick auf die Wetterkarte für Ruderwillige hier wie überall unerlässlich. Allzu viel zu sehen gibt es nicht, die meiste Zeit Sand auf der einen Seite und streckenweise so flach unter dem Kiel, dass die Blätter manchmal den Boden berühren, und Gebüsch auf der anderen, der Landseite. Herrlich ist es trotzdem, wenn man im Rennboot sattelfest ist, und herrlich ist es, weil das Zusammenspiel von Wasser, Licht, Sonne und Wolken in schnellem Wechsel, wie es hier so oft vorkommt, eine wundervolle Atmosphäre schafft – die man im Ruderboot ganz für sich alleine hat. Viel Schiffsverkehr hat es hier definitiv nicht, höchstens ein paar Fischerboote. Uns würde ja die Anschaffung eines Coastal Rowers reizen. Dann durch die schmale Öffnung in der Sandbank hinaus aufs offene Meer. Hätten wir Bock drauf. Mal sehen.



Der Spruch auf dem Titelbild stammt übrigens von der Wand vor dem Barrestaurant des Segelclubs und heißt sehr frei übersetzt „Wenn das Wetter stürmt und nässt, der Segler hält sich am Tresen fest“.

