Plädoyer gegen High Tech
Nein, natürlich, das was man auf dem Bild sieht, wollen wir nicht. Bei uns im Verein sind zwei Boote nahezu frontal zusammengestoßen. Zum Glück ist niemand zu Schaden gekommen. Aber die Boote … Und die zerknirschten Ruderer … (Das Titelbild habe ich passend zu deren Gemütsverfassung ausgewählt.)
Mein gescheiter Mann sagt oft, Unglücke geschehen, wenn mindestens zwei Dinge gleichzeitig schief gehen. Sie haben sich nicht gesehen, hieß die Erklärung. Scheint so, dass beide Bugleute zur Kontrolle zuletzt den Kopf nach Backbord gedreht haben, jedenfalls erfolgte der Zusammenstoß auf der Steuerbordseite. Shit happens.
Was danach passierte, war der laute Ruf nach Lösungen, und das ist verständlich. Denn ganz vermeiden kann man Shit zwar nicht, aber man sollte es zumindest versuchen. Auf der Liste der Lösungsvorschläge finden sich
- Wir setzen uns nicht auf die Eins oder in den Einer, wenn wir den Hals nicht so weit drehen können, dass kein toter Winkel bleibt.
- Wir lernen, uns ordentlich umzudrehen. Eine unserer Trainerinnen bietet hierfür gezielte Dehnübungen an.
- Wir besorgen uns Spiegel, die im Sichtbereich (Kappe, Brille) befestigt sind. Viele von uns haben sie schon, aber kaum jemand nutzt sie. Es braucht etwas Übung, ca. 20 bis 25 Fahrten, bis man es drauf hat, aber dann funktioniert es gut, sagen die, die durchgehalten haben.
- Wir versorgen uns mit innovativer Technik, die uns den Job und die Verantwortung abnimmt.
Und damit bin ich bei meinem eigentlichen Anliegen angekommen, wenn ich oben getitelt habe „Wollen wir das?“. Also zunächst mal, wie kamen die genannten Vorschläge bei unseren Mitgliedern an? Die Zahl der Interessenten für Vorschlag 2 lag schätzungsweise bei eins. Die Reaktion auf Vorschlag 3 ging in die Richtung „Ach ja, da war doch was. Muss mal schauen, ob ich den Spiegel noch finde.“ Ich bin gespannt, ob in nächster Zeit mehrere von den Teilen zu sehen sein werden. Immerhin könnte man ja schonmal damit üben, notfalls auch auf einer anderen Position als im Bug. Am lautesten waren die Stimmen, die sich für eine technische Lösung erwärmen könnten. Wobei die Resonanz insgesamt eher kümmerlich ausgefallen ist. Die Betroffenheit war groß, aber ich habe Zweifel, dass sich etwas ändert.
Gegen die technische Lösung – es gibt da wohl noch nichts so recht taugliches, aber man arbeitet daran – also gegen eine technische Lösung bin ich, und deshalb mein Plädoyer gegen High Tech.

Mir ist selbstverständlich nicht entgangen, dass hier nicht gerudert, sondern gepaddelt wird.
Ich bin nicht grundsätzlich gegen technischen Fortschritt. Wenn es gescheite Lösungen für unser Problem gäbe, würde mich das zumindest mal interessieren. Aber folgenden vier Aspekte daran gefallen mir einfach gar nicht.
1. Ruderkultur
Für mich definiert sich das Rudern als eine Sportart mit Tradition und Charakter. „Ein Sport, der weniger an Schweiß als vielmehr an Disziplin denken lässt.“ Diesen Satz habe ich aus einem Beitrag im Deutschlandfunk von 2014, Im Takt der Wellen – Rudern in Großbritannien. Wie die Briten auf ihren Nationalsport blicken, ist den meisten bekannt. Ganz so nobel und verklärt ist unser Blick nicht. Aber in jedem Bootshaus hierzulande liegen und hängen wunderschöne, alte Exemplare aus Holz, die vielfach noch genutzt werden. In unserer Antoinette, einem gesteuerten Klinker-Zweier, muss zwar alle paar Meter geschöpft werden, doch selbst sie kommt noch von Zeit zu Zeit zum Einsatz. Natürlich sind die neuen Anschaffungen aus Kunststoff und komfortabler. Aber der Geist des Ruderns bleibt auch in ihnen erhalten, und mit Hilfe unseres Techniktrainings bemühen sich fast alle, eine gute Figur abzugeben. Wenn dann im Sommer die Motorboote an uns uns vorbeizischen, zeige ich denen im Geiste den Stinkefinger und denke, Gasgeben ist keine Kunst. Wir bewegen uns mit Geschicklichkeit und Muskelkraft über den See, wir brauchen kein Hig Tech (dachte ich bisher), wir belasten die Umwelt nicht mit Lärm, Materialaufwand und schädlichem Verbrauch (dachte ich bisher). Wir halten es einfach, genießen die Natur und das Gefühl, weitgehend autonom zu sein. Auch das dachte ich bisher. Und ich möchte bitte, dass das so bleibt.
2. Verantwortung
Es nervt mich, dass heutzutage so oft, wenn etwas passiert, nach einer Lösung gerufen wird, die den Einzelnen oder die damit verbundenen Institutionen von der Verantwortung befreien soll. In der „Zeit“ vom 30. Juli 26 findet sich ein langer Beitrag über Badestege. In Brandenburg, wo es ziemlich viele davon gibt, ist im vergangenen Jahr ein junger Mann, mutmaßlich unter Alkoholeinfluss, an einem Steg schwer verunglückt. Die Gemeinde hat daraufhin den Steg abreißen lassen, und vielen anderen Stegen droht jetzt ein ähnliches Schicksal. Die Geschichte ist komplex, und der Vergleich mit unserer Rudersituation hinkt. Aber ich kann nicht verhehlen, dass mein erster Gedanke war „Du Depp“. „Pass doch auf“ möchte ich rufen, immer und immer wieder, wenn wir mit unseren Booten umgehen. Vielleicht ist es ein zu hoher Anspruch zu erwarten, dass wir unser Material mit Sorgfalt behandeln und Verantwortung beweisen, sobald wir auf dem Wasser sind. Die Entwicklung geht dahin, dass uns zunehmend Verantwortung abgenommen wird, insbesondere durch technische Lösungen. Was wollen wir denn machen, wenn die Systeme mal ausfallen? Und ist unser Sport noch das, was er einmal war, wenn uns die Technik übers Wasser navigiert?
3. Die praktische Seite
Ich habe mal ein bisschen gestöbert nach techischen Features in bisher mit Muskelkraft betriebenen Booten. Egal, was es ist, es verändert den Charakter der Bootes stark, es verlangt hohe Aufmerksamkeit von demjenigen, der die Technik kontrolliert – eine Aufmerksamkeit, die beim eigentlichen Rudern dann fehlt. Im unten gezeigten Beispiel (aus Instagram) wandert der Blick nach unten auf ein Display, das alles Mögliche anzeigt in Schriftgröße X. Bei unseren Überlegungen zu technischer Unterstützung am Bug gibt es einen Vorschlag für ein Gerät, das ein akustisches Warnsignal auslöst, wenn ein Hindernis auftaucht. Nach meiner Einschätzung wird das wenig helfen. Wie groß / klein darf der Gegenstand sein, wie nah / fern, bewegt er sich / wie schnell / in welche Richtung etc.? (Das heißt, Umdrehen muss trotzdem sein.) Okay, die Technik kann ja über kurz oder lang fast alles. Aber wollen wir dann alle Boote damit ausrüsten? Oder die Geräte jedes Mal am jeweiligen Boot installieren und anschließend wieder entfernen? Und wer kann damit umgehen? Ich denke daran, was für ein schlecht koordinierter Vorgang es schon immer ist, wenn wir die Boote fertigmachen, sei es rein oder raus. Also den Praxistest hat in meiner Vorstellung noch kein Gerät bestanden. Vielleicht in einer nicht so fernen Zukunft, wenn Generation Z übernimmt?



4. Verhältnismäßigkeit der Mittel
Wir sind ein entspannter Verein, in dem fast jeder seinen Platz findet. Wir rudern nicht leistungsorientiert, bzw. hält sich das bei uns im Rahmen. Unser Bootswart nimmt seine Aufgabe sehr ernst, genau wie unser Vorstand insgesamt, viele helfen zusammen, wenn’s drauf ankommt. Der Spaß steht im Vordergrund, und wenn das, was ich bei den Lösungsvorschlägen 1, 2 und 3 beschrieben habe, nicht umgesetzt wird, wird das nicht so eng gesehen (was ich im übrigen nicht so gut finde). Sollen jetzt ausgerechnet wir – aus Bequemlichkeit – unsere Boote mit High Tech ausrüsten? Nen Haufen Geld ausgeben? Alle Mitglieder schulen, damit sie mit den Dingern umgehen können?
Meine Antwort ist nein, und ich gestehe, da bin ich konservativ. Ich liebe diesen Sport so, wie er ist, minimalistisch. Sonst wird er etwas anderes, und ich bin nicht mehr dabei. Schöne Grüße vom alten Eisen. Seufz.

