“Be the Boat” – Skifftraining in Florida

Nein, nicht das Wissen, dass unter dem Kiel Alligatoren lauern, war für unsere Fortschritte beim Ruderkurs in Florida verantwortlich. Das hatte andere Gründe.

Jeder halbwegs ambitionierte Ruderer möchte irgendwann einmal im Renneiner sitzen. Manche gern auch öfter. Manche dann am liebsten nur noch. Im vergangenen Jahr durfte ich schon ab und zu ein paar Bahnen mit einem der sportlichen Boote ziehen, und auch wenn ich ganz wild darauf war, musste ich mir insgeheim eingestehen: Ein echtes Vergnügen war es nicht. Das Wörtchen „Renn” hat weitreichende Implikationen, die die Ruderwelt in zwei Lager teilt – in die einen, die es können, und die anderen, die nicht. Und irgendwie hatte ich den Eindruck, dass es mit strammer Haltung allein nicht getan sein würde – obwohl die viel dazu beiträgt. Als ich im Internet das Angebot des Florida Rowing Centers entdeckte, standen deshalb mein nächstes Reiseziel und der Entschluss, zu dem ersten Lager zu gehören, fest. Hier mein Bericht.

Der Sonnenstaat Florida empfängt mich im Februar 2016 überraschend kühl. Die gut 70° Fahrenheit Tagestemperatur (> 20° Celsius) wären ja okay, wenn es die schon morgens um halb 8 hätte. Um diese Zeit aber stehen neun fröstelnde Kursteilnehmer zum Teil in kurzen Hosen am Ufer eines namenlosen Sees in Wellington, einem gediegenen Ort mittlerer Größe unweit von West Palm Beach. Wellington ist eigentlich für seine Pferdesportveranstaltungen bekannt. Rudern allerdings kann man hier auch. Und wie! Das werden wir, alle angesiedelt in der Leistungskategorie „Master“ und außer mir nur Amerikaner, in den nächsten Tagen versuchen zu vervollkommnen. Erst einmal aber stehe ich unter Schock. Der Kies und das Gras, auf dem wir uns zu den einleitenden Worten unserer Trainer versammeln, tragen eine hauchdünne Eiskruste. Ich flehe innerlich darum, möglichst bald aufs Wasser zu kommen, denn die Erfahrung zeigt, dass es dort besser wird. Und gleichzeitig fürchte ich mich ein bisschen. Eine seitliche Rolle ist mit so einem Skiff schnell hingelegt, und dann …

Alligators

Unsere Trainer tragen warme Kleidung und sind frohen Mutes. Sie sind Gordon Hamilton als Chef sowie Harvey Rubinstein, Larry Gluckman und Assistentin Cindy Shirts, bis auf Cindy alles „alte Hasen“. Die Liste ihrer Leistungen und Erfolge einzeln aufzuführen, erspare ich mir, die kann man hier nachlesen. Jedenfalls sind sie Ruderer mit Leib und Seele und haben diesen Sport dermaßen durchdrungen, dass ich in den nächsten 4 Tagen jedes ihrer Worte wie ein Schwamm aufsauge.

Zunächst aber geht es doch zügig aufs Wasser. Jeder bekommt sein auf die persönliche Physis abgestimmtes Boot, der Einstieg vom Bootssteg wird demonstriert, und ab geht die Post. Ich bete um einen gelungenen Start, und irgendwie bekomme ich das hin, und dann fahre ich zum ersten Mal die gut zwei Kilometer lange Strecke ab, die mich in den nächsten Tagen bis in meine Träume begleiten wird. Auch unsere Trainer machen sich auf den Weg, allerdings in Begleitbooten, ausgerüstet mit Tablets, auf denen die App „Coach’s Eye“ installiert ist. Das Auge der Kamera auf uns gerichtet, bemühen wir uns um Haltung. Und schon bei den ersten Schlägen weiß ich wieder, warum ich hier bin. Ich habe in keiner Weise das Gefühl, das Boot wirklich zu beherrschen. Von den vielen Hinweisen, die ich früher schon bekommen habe, versuche ich den einen oder anderen zu beherzigen, ziemlich wahllos und unzusammenhängend. Also was soll ich sagen, nach diesem ersten „Outing“ gibt es eine Videoanalyse, bei der ich am liebsten in ein Mauseloch kriechen würde. Ich bin ein Typ, der gern vorn mit dabei ist. Aber hier, ungelogen, bin ich ganz hinten dran. Es muss etwas geschehen.

Zum Glück gibt es vor der Analyse und der ersten Theorieeinheit jeden Tag ein Frühstück, das wir alle gemeinsam in einem Diner in der Nähe einnehmen. Ich habe eine Weile überlegt, ob ich den Beitrag „Rowing with Pancakes“ nennen soll. Leser, die die USA bereist haben, ahnen, worauf ich abziele. Dieses Land scheint aus verschiedenen Welten zu bestehen. Da gibt es auf der einen Seite ein wachsendes Gesundheitsbewusstsein und Menschen, die mit Ansätzen gesunder Ernährung Standards setzen. Und da gibt es das, was mir überwiegend begegnet und jetzt auf meiner Menükarte steht. Am ersten Tag lasse ich mich verleiten, auf Empfehlung hin einen Cheeseburger mit Bacon zu bestellen. Am zweiten Tag dann Pancakes, die kleine Portion (= zwei tellergroße Stücke, zentimeterdick und fluffig, serviert mit Sirup). Erst am vierten Tag gelingt es mir, die Abfolge zu durchbrechen mit zwei Spiegeleiern auf Toast, Punkt. Die übrigen Tage schleppe ich mein Essen bis in die Abendstunden und frage mich, wie die anderen das machen. Blei im Bauch. Aber die Pause tut gut.

Die vielen seitlichen Ausbuchtungen des Sees haben die Orientierung nicht gerade leicht gemacht
Die vielen seitlichen Ausbuchtungen des Sees machen die Orientierung für den Ruderer nicht gerade leicht

Dann kommt die Stunde der Wahrheit und die Erkenntnis, dass es kein Wunder ist, wenn das Boot bisher unter mir geschlingert ist wie ein Kohlenkahn mit Schlagseite. Ich kann und will hier nicht alles wiedergeben, was Gordon und sein Team uns vermitteln, aber gern einen Auszug davon.

Die Führung des Bootes wird maßgeblich von der Haltung des Oberkörpers und der Verbindung Schulter, Arme (Ellbogen!) und Skulls beeinflusst. Diese Verbindung muss solide sein, und zu jedem Zeitpunkt muss Druck nach außen auf die Dolle ausgeübt werden, wobei die Hände trotzdem locker bleiben. „Be the boat“, sagt Gordon und meint damit, dass nur die Einheit aus Boot und Fahrer das Ganze stabil macht. Die Ellbogen schauen immer in Richtung der Blätter und werden nie nach hinten gezogen, am Ende des Durchzugs blicken sie also nach außen, die Hände bleiben ein gutes Stück vom Rippenbogen entfernt und begeben sich mit leichtem Schwung nach unten sofort wieder in die Vorwärtsbewegung. Erst wenn sie auf Dollenhöhe sind, werden die Knie gebeugt. Was jetzt kommt, ist mir wirklich schwer gefallen: Beim Vorwärtsgleiten, bei der vorderen Umkehr bis unmittelbar nach dem Eintauchen des Blatts, dürfen die Füße nicht belastet werden. Druck ausüben auf das Stemmbrett (und sei es durch Ziehen) ist bis zu diesem Zeitpunkt absolut verboten! Die Füße schweben quasi über dem Brett. Gegen den Impuls, mir über die Füße eine (vermeintliche) Stabilität zu holen, muss ich hart angehen. Es ist ein Kampf gegen ein eingefahrenes Muster und erfordert einiges an Körperbeherrschung. Hundertmal muss ich an unsere Trainerin Annette zuhause denken, die mit ihrem etwas unkonventionellen Trainingsansatz für ungläubiges Staunen, häufiges Stöhnen und so manchen Lacher sorgt. Sie hat ja so Recht! Beckenboden anspannen, Sitzhöcker nach hinten, die Bauchspeicheldrüse weit machen, den Brustkorb öffnen und offen lassen, und all das IMMER. Ohne geht es nicht bzw. ist es kein sportliches, effektives Rudern. Nur leider geht es auch nicht „einfach so“, wie ich in diesen Tagen wieder einmal merke. Was bleibt, und das ist keine Neuigkeit: Trainieren, trainieren, trainieren. Für den Moment nach dem Eintauchen des Blatts hat Gordon übrigens noch ein besonderes Schmankerl übrig. Den Bruchteil einer Sekunde lang soll dem Impuls, das Blatt durchzuziehen, noch nicht nachgegeben werden. Dieser Augenblick soll dem Blatt und dem Boot Gelegenheit geben, sich zu „justieren“ (siehe Auszug aus Gordons Text). Dann erst darf Druck auf den Fuß, und zwar mit Schmackes, und der Ruderer darf tun, wonach ihm ist: durchziehen. Usw.

Lassen wir Gordon selbst zu Wort kommen:

Text Gordon

Das Team vom FLC hat die Technik des Ruderns ausgefeilt bis in die Fingerspitzen, und weil ich die Sprache nicht perfekt beherrsche und unter dem Einfluss des Jetlags stehe, nehme ich beileibe nicht alles auf, was mir hier serviert wird. Das gilt auch für die Praxis, ein Effekt, den jeder kennt. Auch wenn unsere Trainer uns raten, uns immer nur auf einen Aspekt zu konzentrieren, so sind doch alle anderen auch irgendwo im Hinterkopf, und die neuen Bewegungen in einen harmonischen Ablauf zu bringen, gelingt selten. Trotzdem, nach der nachmittäglichen Rudereinheit und der Videoaufnahme am nächsten Vormittag stellt sich das Bild schon ganz anders dar. Das ist nicht nur zu sehen, sondern auch zu spüren. Wie souverän und locker der Ruderablauf sein kann, wenn er richtig gemacht wird, das demonstriert Harvey Rubinstein hier auf dem Trockenen. Ach, es sieht so leicht aus.

Mitgenommen habe ich von diesem Kurs nicht nur viele Tipps, eine verbesserte Technik und die Hoffnung, dass ich es schaffen werde, diese noch weiter zu optimieren, sondern auch diese aufmunternden Worte von Larry Gluckman bei einer meiner Praxiseinheiten, vom Trainerboot herüber gerufen: „One wouldn’t think that people of our age are still able  to learn that“. Ups. Sein Wort in Gottes Ohr.

Auch andere waren unterwegs auf dem See.
Auch andere waren unterwegs auf dem See

English Version

3 Gedanken zu „“Be the Boat” – Skifftraining in Florida

  1. Es ist immer ein Vergnügen, deine Berichte zu lesen, so auch diesen hier aus einer so weit entfernten Ruderwelt. Und immer mit einem Augenzwinkern, nie ganz bierernst.
    Interessant, wie unterschiedlich das Thema “Rudertechnik” interpretiert wird. Bin schon gespannt, wenn Du uns das Gelernte beim ersten Skiff-Training vorführst 😉

  2. Hallo Bettina,
    ich finde Deine detaillierte Technik-Beschreibung sehr interessant – vor allen, dass man sich mit den Füßen nicht heranziehen soll – und freue mich schon aufs Ausprobieren auf dem Ammersee.
    L. G. Anja

  3. Liebe Bettina,
    du hast einen schönen Schreibstil, und man fühlt sich beim Lesen wie vor Ort. Das ist besonders reizvoll für mich etwas von der großen weiten Welt zu schnuppern.
    Ich bin schon gespannt auf die neuen Techniktipps die du aus Florida mitgebracht hast.
    Bis bald auf dem See
    Annette

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