Rückwärts ist vorwärts (3) Oder: Faszination Indien

Es gibt viele Menschen, die um das Reiseziel Indien einen großen Bogen machen. Es gibt andere von der Sorte „einmal und nie wieder“. Und es gibt die, die trotzdem immer wieder hinfahren. Trotzdem, weil Indien eine ganz schöne Zumutung ist. Es ist laut, dreckig und stinkt, ist unerträglich arm und gleichzeitig unanständig reich. Inder können extrem distanzlos sein, Korruption macht auch vor Touristen nicht Halt, und das indische Essen verlangt von ihnen so manches Opfer. Und so weiter.

Indien duftet, ist bunt und unendlich vielfältig. Für Leute wie mich, die es gern etwas anders haben, nicht unbedingt auf Mainstream stehen und rückwärts vorwärtszukommen auch okay finden, ist Indien ein Wunderland.

Ich war zum zweiten Mal dort, 2012 in Uttar Pradesh und Rajasthan, diesmal in Kerala (Südindien) und Mumbai. Den Süden habe ich als deutlich zivilisierter empfunden. Nach Süden hin wird das Land wohlhabender, das mag der Grund sein.

Es fällt nicht unbedingt leicht, einen Bogen von meiner Indienreise zum Rudern und zur cox-box zu finden. Da muss ich ein bisschen biegen. Das Bild vom Darjeeling Café mit seinem Subtitel „No Wi-Fi – Talk to Each Other“, der krächzenden Krähe und dem Blick aufs Meer deckt vielleicht immerhin den Kommunikationsaspekt meiner Idee ab. Über das Rudern in Indien kann ich nicht viel sagen. Eine E-Mail an den indischen Ruderverband blieb unbeantwortet. Gefunden habe ich, dass es immerhin einen Inder gibt, der bei den Olympischen Spielen 2016 mitgerudert ist, offenbar ohne nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen (Beitrag der BBC). Gefunden habe ich außerdem den Bericht von Helmut Janus, der sich unerschrocken mit dem Skiff auf indisches Gewässer getraut hat. Das ist nicht ohne, die Dreckbrühe, die ich vielerorts gesehen habe, hat meine Lust aufs Rudern deutlich eingeschränkt. Aber ich will nicht unfair sein, es gibt sicherlich auch saubere Gewässer.

Dreckbrühe
Die grüne Fläche in der Bildmitte ist ein Fluss

Und das war’s auch schon mit Bezügen zum Rudern in Indien. Ansonsten muss man in dem Land auf alles gefasst sein. Wenige Wochen vor meiner Anreise hat die indische Regierung von heute auf morgen die 500 und 1000 Rupie-Scheine entwertet, eine Korruptionsbekämpfungs- und Anti-Schwarzgeld-Maßnahme mit fragwürdiger Wirkung. Daraufhin brach in der Bevölkerung und bei den Touristen das völlige Chaos aus. Ein Freund von mir, der zum entscheidenden Zeitpunkt schon vor Ort war, hatte – blank wie er war – zeitweise Mühe, Essen und Unterkunft zu finden. Lange Schlangen vor den Geldautomaten und die Erfahrung, dass die neuen 2000 Rupie-Scheine ruckzuck vergriffen waren („Sorry, no Cash in this ATM“), habe auch ich noch erlebt. Das erforderte einiges an Improvisationstalent.

Quelle: http://www.bbc.com/news/world-asia-india-38465632
Quelle: http://www.bbc.com/news/world-asia-india-38465632

Dass es den Indern daran nicht mangelt, beweisen sie anhand der in Kerala sehr eingeschränkten Vergabepraxis von Schanklizenzen (ein Totalverbot wird angestrebt).

Aus der Teekanne fließt Bier
Aus dieser Teekanne fließt Bier

Als einzige Frau, von den anwesenden indischen Trinkern ausgiebig bestaunt, habe ich mich zweimal in einen Wine and Beer Parlour gewagt und dort Kingfisher Strong konsumiert. Das Bier war gut, das Etablissement sollte wohl Bar-Atmosphäre bieten, wirkte auf mich aber eher nüchtern beklemmend. Da half auch die ausgefallene Raumgestaltung nichts.

Wine and Beer Parlour
Im Wine and Beer Parlour

Der gemeine Inder neigt zur Fröhlichkeit und Geselligkeit und fühlt sich in großen Menschenmengen wohl. Er hat das Handy immer zur Hand, fotografiert sich ununterbrochen selbst oder seinen Nächsten, und ist, was Lärm anbelangt, völlig schmerzfrei.

Am Gate of India, Mumbai
Am Gate of India, Mumbai. Die Lady in der Mitte packt gerade ihr Smartphone aus …

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Alles ein bisschen schrill und schräg, aber bei mir trifft es auf den Reisenerv und zieht mich an. Schön und verstörend. Und immer wieder eine Reise wert.

Betende Jain im Tempel (Mumbai)
Hinter dem Hindutempel
Hinter dem Hindutempel (Kovalam)

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