Kritik, die – Substantiv, feminin

Ja verdammt, auf dem Foto sehe ich es auch: Mein Versuch, ein mustergültiges Bild abzugeben, ist fehlgeschlagen. Die aufrechte Position und das Zusammenhalten der Griffe sehen unnatürlich aus, die Haltung ist falsch. Und das musste ich mir von Bernd schließlich auch sagen lassen. Bernd ist ein „alter Hase“ und besitzt eine gewisse Ruderer-Autorität. Wobei das keineswegs selbstverständlich ist, denn seit langem die Skulls zu bedienen, bedeutet nicht zwangsläufig, gut bzw. richtig zu rudern. Was richtig ist, darüber bestehen ja ohnehin unterschiedliche Auffassungen. Aber das ist ein anderes Thema. Ich möchte heute darüber schreiben, wie es ist …

Denn wer hört schon gerne, dass er etwas falsch gemacht hat? Das Dumme daran ist, dass die falsche Handlung in der Vergangenheit liegt und insofern nicht mehr zu korrigieren ist. Das Etikett „Fehler gemacht“ klebt also erst einmal, die Aussicht, es in Zukunft besser zu machen, ist ein schwacher Trost, zumal die Wahrscheinlichkeit, dass dies ohne Weiteres gelingt, bei einem komplexen Sport wie dem Rudern nicht allzu hoch ist. Jedenfalls zunächst. (Ja, ja, wer immer strebend sich bemüht.)

Wer anfängt zu rudern, muss darauf gefasst sein, dass er mit Kritik geradezu überhäuft wird. Ich erinnere mich an meine ersten Stunden im Boot, im Anfängerkurs, und wie ich manchmal unter den Anweisungen und Korrekturen der Trainer geradezu aggressiv geworden bin. Noch ein Wort, habe ich manchmal gedacht, und ich schmeiße den ganzen Kram hin. Die Mischung aus Ehrgeiz und Überforderung kennt wahrscheinlich jeder, der sich Neuem stellt. Diese Phase übersteht nur gut, wer ein Mindestmaß an Talent mitbringt sowie die Fähigkeit zur Eigenmotivation und Dulderqualitäten. Die Anerkennung der Autorität des Trainers ist unabdingbar, Diskussionen nerven die Gruppe. Ich jedenfalls – ausgestattet mit eher geringen Dulderqualitäten – habe mir während der Grundausbildung oft „die Zunge abgebissen“ (auch gegenüber Mit-Auszubildenden), weil ich vorankommen wollte. Ich bin unseren Trainern sehr dankbar, dass sie sich dieser Situation immer wieder aussetzen.

Eine kleine Anmerkung sei allerdings erlaubt: Ab und zu ein Lob hilft wirklich. Und zwar ein deutliches, laut ausgesprochenes, möglichst konkretes. Wir wissen es alle, aber es fällt uns so schwer. Ist wohl Mentalitätssache. Meine Freunde in Südafrika tun sich damit viel leichter, und so umgibt sie eine Atmosphäre des Wohlwollens, die für den Lernfortschritt sehr wirkungsvoll ist. Es stärkt nicht nur die Schüler, sondern auch die Trainer.

Vielleicht liegt es auch an der südlichen Sonne, dass der Trainer hier leichtes Spiel hat

Weil man als Ruderer praktisch immer in Ausbildung ist, kommt es – auch wenn man den Master-Status erreicht hat – öfter mal zu Situationen, wo einem Mängel bei anderen auffallen. Dann gibt es (logisch) zwei Möglichkeiten: Den Mund halten oder aufmachen. Den Stich, den es mir versetzt hat, als mich Anja vor zwei Jahren darauf hingewiesen hat, dass ich bei jedem Ausheben des Blatts die Manschette ein Stück aus der Dolle ziehe, den erinnere ich nur zu gut. Aber ich bin ihr dankbar für den Hinweis. Heute passiert mir das nicht mehr, und darauf lege ich Wert.

Natürlich muss man als Kritisierender auch darauf gefasst sein, dass Anmerkungen nicht gut ankommen. Ist mir neulich passiert, in einer vergleichbaren Situation. Da habe ich wohl jemand auf dem falschen Fuß erwischt, falsch eingeschätzt, oder der Ton hat nicht gepasst. Die Antwort muss man aushalten können.

Obwohl auch ich schon öfter in der Situation war, dass mich Anleitungen, Hinweise, Kritik genervt oder geärgert haben und ich sie manches Mal ungerechtfertigt fand, ist es mir wichtig, weiterhin Feedback zu erhalten. Mir hat mal jemand gesagt

Du bist es mir wert, dass ich dich kritisiere.

Diese Haltung funktioniert sicher nicht immer. Wer ist schon immer so reinen Herzens, dass er von sich behaupten kann, sich nicht über den anderen zu erheben. Das Ergebnis meiner Reflexionen darüber lautet: Wenn ich davon ausgehen kann, dass alle sich bemühen, besser zu werden, dann ist es erlaubt, ja sogar erwünscht, Kritik offen auszusprechen. Das klingt ziemlich theoretisch und ist es auch (z. B. bemühen sich nicht alle, besser zu werden). Für mich hat es dennoch Gültigkeit, ich wende es an und habe davon immer profitiert.

Zu guter Letzt noch ein positives Beispiel. Mein Freund Volker, passionierter und ziemlich guter Rennrad-Fahrer, hat auch angefangen zu rudern. Nach ein paar Grundkurs-Stunden im Verein habe ich die Aufgabe übernommen, ihn fit zu machen für das Freirudern. Dass man ein Paar ist, bedeutet nicht zwangsläufig, dass das gut klappt. Tut es aber. Die Anerkennung der gegenseitigen Rollen, das Wohlwollen, das uns trägt, sind eine wunderbare Erfahrung. Es macht wahnsinnig Spaß und bringt nicht nur ihm, sondern auch mir etwas. Ich kann dabei die Technik reflektieren, selbst üben, und mein Selbstvertrauen wächst. Super, echt!

Der Azubi sieht entspannt aus. Mich blendet die Sonne. Aber sonst passt alles.

 

Titelfoto: Burkhard Koje

Ein Gedanke zu „Kritik, die – Substantiv, feminin

  1. Hallo Ina,
    wiedermal ein gelungener Bericht mit treffenden Worten und durchgehendem Lesefluss. Leider nicht immer selbstverständlich.
    Die Thematik ist mir nur allzu bekannt, aber wir sind ja bemüht!
    Deine Reiseberichte ersparen mir eigene Ausflüge in die weite Welt und die Ruderberichte erinnern mich an meine täglichen Reiterfahrungen.
    Ein lehrreicher und kurzweiliger Blog, danke dafür!
    Krista

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