It’s Magic

„Wonderful, Bettina, fantastic, Peter, stay in contact, open your arms, lean forward, just let the blades drop into the water, move the boat with the mass, don’t stop moving“. Und: „Don’t work“. Das ist eine der Botschaften, die ich nur zu gern höre, wenn mein Freund und Coach aus Simon’s Town zu Besuch in Deutschland ist und das tut, was ihm ein Herzensanliegen ist: coachen. Über Derrick schreibe ich nicht zum ersten Mal, er ist eine Persönlichkeit in der Welt der Ruderer, und mich bringt er regelmäßig komplett durcheinander.

Aber der Reihe nach. Als ich Derrick im Dezember 2015 in Südafrika kennenlerne, erzählt er mir von seiner Verbindung nach Oldenburg. Mit dem dortigen Ruderverein unternimmt er jedes Jahr eine Wanderruderfahrt, und die führt dieses Jahr nach Süden, an den Ammersee, Starnberger See, Chiemsee, Mondsee, Attersee, Traunsee, Hallstädter See. Ein strammes Programm, das die Oldenburger, so weit ich das beurteilen kann, locker aus dem Ärmel schütteln.

27 Leute (22 Oldenburger und 5 Südafrikaner) rudern ratzfatz um den Ammersee. Und das ist erst der Anfang.

Jedenfalls sind sie auch bei uns, beim TSV Herrsching, zu Gast und breiten routiniert ihre Luftmatratzen in und um das Bootshaus aus, sitzen morgens bei frischen Brötchen an der langen Klapptisch-Tafel und abends zum Sonnenuntergang auf dem Bootssteg. Die Organisation ist perfekt, Jörg Dickbertel hat die Sache fest im Griff, die Crew arbeitet routiniert und ohne großes Gerangel und Geraunze.

Für die Leihgabe unseres (TSVH) Doppelzweiers mit Steuermann, der hier für die Fahrt zum Starnberger See aufgeladen wird, streckt sich, wer groß genug ist. Und manch andere auch.

Ich staune vor allem über die Kondition der Gruppenmitglieder. Die Anreise – ob von Oldenburg (10 Stunden mit dem Auto und dem Hänger) oder von Kapstadt/Johannesburg – ist kein Pappenstiel, die Übernachtung alles andere als komfortabel, und das Programm einschließlich Besichtigungen, z. B. per pedes nach Kloster Andechs, anspruchsvoll. Dabei ist der Ammersee (ca. 36 km) erst der Anfang. Am Montag steht der Starnberger See auf dem Programm (bis zu 45 km). Hier rudere ich mit und weiß spätestens danach, dass ich für diese Art des Reisens nicht gemacht bin – nach unserer Runde bin ich platt wie eine Flunder und für das Abendprogramm nicht mehr zu gebrauchen.

Allerdings hatte ich das zweifelhafte Vergnügen, die ganze Strecke mit Derrick und Peter (SA) in unserem Zweier zu bewältigen. Und der fühlt sich mit Steuermann deutlich anders an als ein Vierer mit Steuermann. Mit Derrick im Rücken oder vor der Nase kommen dann etwa 6 Stunden Dauercoaching auf Englisch hinzu, die man auch erstmal verkraften muss. Er ist ein genialer Coach, er sieht und spürt alles und kommentiert jeden einzelnen Schlag. Das bedeutet extra Anspannung und mentale Dauerbelastung. Sein Sendungsbewusstsein kennt keine Grenzen, und seine Begeisterung, wenn das Boot ins Laufen kommt, erschöpft sich nie („It’s magic“).

Hier sitzt Peter am Steuer, die Beine geschützt vor der sengenden Sonne, und sieht auch nicht mehr taufrisch aus. Obwohl meine beiden südafrikanischen Mitruderer einen guten Zug drauf hatten, waren auch sie im letzten Drittel ganz schön geschafft.

Allerdings – und das muss gesagt werden – hätte ich ohne sein Coaching an diesem Tag vermutlich komplett schlapp gemacht. Seine Trainingsanweisungen sind den unseren diametral entgegen gesetzt. Wo bei uns Wert gelegt wird auf langsames Vorrollen und einen langen Schlag, propagiert er schnelles Vorrollen und einen Schlag bis zu dem Punkt, wo eine Art automatischer Impuls für das Ausheben der Blätter erfolgt (geht der Skull noch weiter nach vorn, stellen sich die Blätter parallel zum Boot und schleifen nur noch mit, tragen also nicht mehr zum Vortrieb bei). Mit Energie nach vorne rollen, die Arme weit öffnen, Blätter ins Wasser plumpsen lassen und dann mit einem guten, nicht übertriebenen Beinstoß, aber für den Oberkörper anstrengungslos – don’t work –  nach hinten rollen. Dadurch ergibt sich eine konstant hohe Schlagzahl und Geschwindigkeit bei großer Ruhe im Boot. Wenn die Mannschaft fit und es nicht so heiß gewesen wäre, was hätten wir reißen können an dem Tag! So ist es eine tolle Erinnerung geworden und mal wieder die Freude darüber, dass dieser komplexe Sport in der Gemeinschaft wirklich faszinierend ist. Und manchmal, wenn es läuft, vielleicht sogar magisch. Danke Derrick und ORVO für diese neuen Eindrücke.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.