Eintauchen, ziehen lassen

Heute wage ich mich an ein Thema, das mich schon länger beschäftigt. Ich war 57, als ich anfing zu rudern, und habe schnell gemerkt, dass ich zusammen mit ein paar anderen in der Altersklasse zwischen 50 und 60 in unserem Verein zum „Nachwuchs“ gehöre. Das ist einerseits bedauerlich, denn es fehlt uns an echtem Nachwuchs (Wir kennen die Gründe und arbeiten daran). Andererseits ist es witzig, und motivierend ist es auch, denn die Aussichten sind großartig: Wenn wir auf uns achten, liegen vielleicht noch viele Jahre aktiven Sports vor uns.

Es gibt eine bemerkenswerte Anzahl von Ruderern oberhalb der 70, ja sogar oberhalb der 80, nicht selten mit Jahrzehnten Rudererfahrung. Die holen wir nie mehr ein, und die Leistung: Hut ab! Bei der Roseninsel-Regatta musste sich der Damen-Achter ganz schön anstrengen, um die alten Herren unter Schlagmann Ludwig Berberich (83) hinter sich zu lassen.

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Unser Altherren-Achter bei der Roseninsel-Regatta 2016 – nach Höchstleistung am Ende „geschafft“, wie alle anderen auch

Es gibt aber auch die Kehrseite, und die sieht so aus: Nachlassen der Kräfte, der Konzentration, der Kontrolle über den Körper. Der macht irgendwann nicht mehr mit, und dann kommt es zu „Teebeutel-Rudern“ (Eintauchen, ziehen lassen). Dann wird das Einsteigen und das Aussteigen aus dem Boot zur echten Herausforderung, dann werden die anderen stärker gefordert, weil sie mehr Leistung bringen müssen oder sich gebremst fühlen, dann steigt das Risiko, schwierige Situationen nicht mehr zu beherrschen, dann wird das Klarmachen und das Verstauen des Bootes noch anstrengender, als es ohnehin schon ist. Neben den physischen und technischen Problemen, die das mit sich bringt, gibt es auch emotionale Auswirkungen. Da macht sich schon mal Unmut breit, und ganz schlimm ist es, wenn die Älteren – immerhin nachvollziehbar – meinen, sie müssten den Jüngeren (mehr oder weniger freundlich) sagen, wo’s langgeht.

Alt werden wir alle (Die Alternative ist schlecht). Deshalb gibt es für dieses Phänomen nur ein Rezept, und das heißt Demut. Auf beiden Seiten. Für die Jüngeren bedeutet das Geduld und Toleranz. In einer Gesellschaft, die immer älter wird, ist diese Forderung allgegenwärtig. Trotzdem fällt es nicht immer leicht. Was aber bedeutet es für die Älteren? Meine Antwort: Selbstreflexion und Loslassen. Ich stelle es mir unendlich schwierig vor, sich einzugestehen, dass man nicht mehr so kann, wie man möchte. Aber noch schwieriger scheint es zu sein, das alte Muster dann aufzugeben. Es muss ja noch nicht einmal sein, dass man komplett aufhört mit dem Rudern. (Und wenn man das weiterdenkt, macht man irgendwann gar nichts mehr.) Was mich stört, ich sage es ehrlich, ist die Haltung „Weitermachen, als wäre nichts“. Sich den anderen und sich selbst zumuten, als wäre nichts. So lange weitermachen, bis schließlich irgend einer tief Luft holt und sagt, so geht das nicht mehr.

Es gibt Fälle in unserer Gemeinschaft, da ist es anders gelaufen. Da hält jemand, dessen Knie operiert wurde, sich konsequent von der Position auf Schlag fern, und jemand anders mit Tausenden Ruderkilometern, aber unlösbaren Knieproblemen, macht heute Yoga. Einige (noch ohne akute Einschränkungen, aber in fortgeschrittenem Alter) trifft man regelmäßig beim Ergotraining, was dem Kräfteabbau entgegenwirkt. Man könnte sich auch vorstellen, dass man sich offen mit der Situation auseinandersetzt und gemeinsam nach Lösungen sucht. Die Jüngeren können sich heute schon überlegen, wie sie sich verhalten wollen, wenn sie so weit sind. Zeit genug hat man ja.

Ich schreibe das nicht, um anzuklagen, sondern um bewusst zu machen. Es ist nicht nur ein Phänomen des Ruderns, es betrifft das ganze Leben. Und wieder einmal zeigt das Gebet der Gelassenheit, wie viel Wahrheit in ihm steckt:

Herr, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.

Herbst

 

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