Der Triumph des Adjektivs

Nicht jede Reise kann oder muss im Zeichen des Ruderns stehen. Die Welt ist groß und vielfältig und hält zahlreiche Überraschungen bereit, wenn man sich darauf einlässt. Ich habe mich auf ein Experiment eingelassen und bin an Bord eines Kreuzfahrtschiffes gegangen; der Ausgang des Experiments war von vornherein klar. Aber die Frage, warum ich es gemacht habe, ist berechtigt. Die Antwort „Persönliche Gründe“ muss an dieser Stelle genügen.

Zunächst einmal kann festgestellt werden, dass die Vorstellung, sich mit einem Schiff über die Weiten des Ozeans schippern zu lassen, so gut wie ohne Risiko für Leib und Leben, und dabei interessante Orte zu besuchen, durchaus ihre Reize hat. Und deshalb bin ich auch mit einem kleinen Quantum an positiver Erwartung angetreten. Auf dem Programm standen Inseln der Kanaren, der Kapverden und ein Ausflug nach Senegal, letzteres für mich noch unbekanntes Terrain.

Unsere Route. Das Blaue ist Land, das Helle Wasser ;-). Quelle: TUI Cruises

Es muss jedem „Kreuzfahrer“ klar sein, dass er von den besuchten Orten herzlich wenig zu sehen bekommt. Die übliche Verweildauer an einem Haltepunkt beträgt einen Tag, und das kann man – trotz umfangreichen Ausflugsangebots – nur als Stippvisite bezeichnen. Den meisten der 2000 Gäste an Bord der von TUI Cruises betriebenen Mein Schiff 2 ist das vermutlich herzlich egal. Die sonnen sich an Deck und in dem wohligen Gefühl, zuhause erzählen zu können, wo man überall war. Dafür werden auch einige Seetage in Kauf genommen, die dem Auge nichts bieten als blaues Meer unter blauem Himmel. Besonders schmerzlich habe ich unseren Abstecher nach Dakar empfunden. Zwei Seetage hin, zwei Seetage zurück, ein Tag vor Ort. Die Stadt dunstig verhangen und alles andere als pittoresk: Ein Industriehafen, ungeordnete Betonarchitektur, Schmutz und Armut (aber massenhaft Autos und Mobiltelefone) und von A bis Z nichts für die Augen von erwartungsfrohen Touristen.

Am Abend ist die Enttäuschung groß. Aber „zum Glück“ gab’s Poolparty.

Dass mir die ganze Sache unbehaglich war, ist kein Wunder. Ich schlage mich sonst lieber selber durch, und eine Reise ganz „ohne Hand anzulegen“ ist für mich schwer vorstellbar. Meine Mitreisenden scheinen aber genau das genossen zu haben. Das All Inclusive-Konzept – kaum einer schiebt seinen Bauch über Deck ohne einen Drink in der Hand –, das Unterhaltungsangebot, das „Verwöhnprogramm“, das cosmopolitische Feeling, all das genießt der gemeine Kreuzfahrer sehr (viele davon Wiederholungstäter). Man geht an Bord in dem wohltuenden Bewusstsein, zu einem exklusiven Kreis zu gehören (wovon keine Rede sein kann), sich etwas zu gönnen, sich etwas leisten zu können. Und das hat man sich verdient. Wenigstens zwei Wochen im Jahr ist man Mann/Frau von Welt und lässt sich bedienen. Und die Besatzung rödelt sich einen ab, mehr oder weniger bemüht, den Gast nicht merken zu lassen, wie wenig exklusiv die Veranstaltung letztlich ist.

Graffity auf Santa Cruz de Tenerife. Natürlich gab es auch Interessantes und Schönes zu sehen.

Die härteste Prüfung für mich als sprachsensiblen Menschen bestand darin, dem alltäglich mehrmals über Lautsprecher im Schiff verbreiteten Gesäusel der Kreuzfahrtdirektorin zuzuhören und das Tagesprogramm zu lesen. „Wohlfühlurlaub für alle Sinne. Was für ein wunderbares Gefühl, den Alltag Seemeile für Seemeile hinter sich zu lassen.“ „Nehmen Sie teil an einer exklusiven Präsentation hochwertiger Swarovsky-Kristalle und lassen Sie sich von ihrem einmaligen Glanz verzaubern.“ „Erleben Sie das bunte Treiben aus nächster Nähe.“ „Erhalten Sie beim Kauf einer Zigarre eine Spirituose gratis dazu.“ „Nutzen Sie die Chance auf ein wundervolles Portrait.“ Gesellschaftsspiele sind spannend, Cocktails lecker, Eindrücke fantastisch, die Umgebung ist atemberaubend und die Mittagspause genussvoll. Wer lieber weniger als mehr hat und es vorzieht, eigene Bilder im Kopf entstehen zu lassen, ist einer schmerzhaften Dauerattacke ausgesetzt. Irgendwie hatte ich zwei Wochen lang das dumpfe Gefühl, mich auf einer Art Butterfahrt zu befinden. Allerdings bin ich mir sicher, dass ich die einzige mit dieser Wahrnehmung an Bord war. Klischees und Adjektive triumphieren, und die Mehrheit will das so. Diese Vorstellung macht einsam. Kreuzfahrten liegen im Trend.

Da hilft nur noch eins.

Zum Schluss für all diejenigen, die es noch nicht gehört haben: Unter ökologischen Gesichtspunkten sind Kreuzfahrten der Super-GAU. Man mag es eigentlich gar nicht wissen, aber wen es doch interessiert, der kann hier das Gruseln lernen.

Genug gemeckert. Ich war auf dieser Reise trotzdem glücklich. Aber das hat – siehe oben – persönliche Gründe ;-).

 

3 Gedanken zu „Der Triumph des Adjektivs

  1. Liebe Angela, ich weiß nicht, ob ich mir das nochmal antun will. Aber es ist gut zu wissen, dass andere auch mit Befremden auf diese Form des Massentourismus reagieren. Danke für den Tipp. Liebe Grüße, Bettina

  2. Hi Bettina,
    einen ausführlichen Bericht hatte ich bereits direkt nach deiner Rückkehr erhalten und doch ist es erneut ein Genuss, deinen schriftlichen, wortreichen Gedankenfluss nochmals aufzunehmen!
    Der Sommer naht und du wirst dich wieder richtig auf dem Wasser ausarbeiten können statt die Wellen nur mit den Augen zu berühren.

    Herzliche Grüsse
    Dagmar

  3. Hallo Bettina ,dein Text zur Kreuzfahrt war wieder sehr unterhaltsam, mehr davon !
    Zur Vertiefung des Themas folgendes Buch lesen :
    “ Schrecklich amüsant-aber in Zukunft ohne mich “
    Liebe Grüße Angela

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