Das Leben ist ungerecht – seufz

Regen ist angesagt (Symbol zwei Tropfen), Höchsttemperatur 11 Grad. Am Freitag reduziert Wetter online die Prognose auf nur noch einen Regentropfen, immerhin. Aber zum Rudern ist sogar einer zu viel (finde ich), so dass ich am Samstag auf dem Weg zum Chiemsee noch auf eine Absage in letzter Minute hoffe. Der Prienathon hatte allerdings schon 2016 wegen Schlechtwetters ausfallen müssen, jetzt wird die Sache durchgezogen. Unterwegs wird mir klar, dass ich schlecht vorbereitet bin; die Vorstellung, dass ich mir auf der Fahrt von der Vereins-Website die Adresse heraussuchen könnte, stellt sich als Trugschluss heraus (nur Kontaktformular, kein Impressum). Zum Glück treffen wir unterwegs auf unsere Herrenmannschaft, die den Hänger mit den Booten zieht und offenbar besser informiert ist. Hinterher also. In Prien und in der Nähe des Veranstaltungsortes keine Hinweisschilder, aber man findet sich irgendwie zurecht: Immer der Herde nach.

„3 – 2 – 1: Vorsprung durch Technik“ hatte ich nach der letzten Regatta getitelt. Die Hoffnung, dass wir nach einem dritten und einem zweiten Platz noch ein Treppchen höher rutschen könnten, haben wir mit erhöhter Trainingsintensität genährt – wenn das Wetter es zugelassen hat. Wobei keiner ernsthaft an einen ersten Platz geglaubt hat. Aber an eine gute Platzierung. Meine Aufgabe dieses Mal: Steuern. Ich staffiere mich aus wie ein Eskimo und versuche, alle kritischen Hinweise und Bemerkungen der letzten Zeit auszublenden, die mich eher verunsichert als vorangebracht hatten. Im vergangenen Jahr bei der Roseninsel-Regatta hatten wir einen verheerenden Start gehabt (viel zu spät an der Startlinie), und auch in Kaufering hatte ich die Situation vor dem Start schwierig gefunden.

Vor dem Start sah es für uns – ganz rechts – erst noch ziemlich gut aus. Nur das endlose Warten an der Startlinie war blöd.

Also konzentriere ich mich bei der Obleute-Besprechung und treibe die Mannschaft an, frühzeitig auf dem Wasser zu sein. Das gelingt, und wir können eine coole Runde drehen, um uns einzurudern. Dann suchen wir uns einen komfortablen Platz an der Startlinie, unbehelligt von allen anderen, die sich aus nicht nachvollziehbaren Gründen deutlich weiter ostwärts drängen. Wir hören die Drei-Minuten-Schüsse, sammeln uns, sind konzentriert. Und warten. Warten. Warten. Irgendwann hören wir, dass zahlreiche Boote noch nicht einmal auf dem Wasser sind, und uns wird klar, das kann noch dauern. Der Veranstalter scheint in Winterschlaf gefallen zu sein, Informationen von seiner Seite gibt es nicht. Irgendwann tut es einen Knall, ein wildes Getümmel bricht los, einer ruft noch „Halt, zurück“, aber da alle nach vorn streben, tun wir das – halbwegs geistesgegenwärtig – auch. Fast im selben Moment, beim ersten, zweiten oder dritten Schlag, ein lautes Klappern im Boot, Traudis Steuerbord-Skull schnellt nach oben, Köpfe drehen sich, Unruhe an Bord, ein Klemmring hat sich gelöst. Kurz gesagt bedeutet das, dass dieser Skull so gut wie keine Führung mehr hat und droht, durch die Dolle nach außen zu rutschen. In Sekundenschnelle müssen wir entscheiden, was zu tun ist. Wir beschließen, weiter zu rudern und haben schon auf den ersten Metern fast den Anschluss verloren. Das sehen die Mädels zum Glück nicht, und was folgt, ist ein Kampf, bei dem Traudis linke Hand so gefordert ist, dass sie irgendwann verkrampft, und wir alle Kräfte aufbieten, wohl wissend, dass „der Zug abgefahren ist“. Vom Veranstalter fehlinformiert, dass keine Segelregatta am Laufen wäre, stoßen wir noch um ein Haar mit einem Segler zusammen und müssen in voller Fahrt anhalten (Gut, dass wir das geübt haben: stoppen, stoppt!). Die Steuerfrau, also ich, kann es kaum glauben. Ich leide mit dem Team und ärgere mich.

Aber alles Leid hat ein Ende, und nach einer Stunde und irgend welchen 5 Minuten sind auch wir am Ziel, mit hochroten Köpfen (alle außer mir), gut durchgewärmt (sogar ich), und froh, es trotz aller Widrigkeiten geschafft zu haben. Wir treffen auf unsere Herrenmannschaft, die längst aus dem Wasser ist, zufrieden über eine gute Zeit.

Zuhause nach einem Training bei optimalen Bedingungen.

Bei der Siegerehrung erwartet uns noch eine Überraschung: In der Wertung liegt unser Damenboot noch vor den Herren. Bei aller Freude darüber, nicht ganz hinten gelandet zu sein, tut uns das Leid. Es fühlt sich nicht richtig an und ist dem Welser System geschuldet, bei dem Alter und Geschlecht (weiblich) Bonuspunkte bringen.

Ja, das Leben ist ungerecht. Die, die früher im Ziel waren, haben die Sitzplätze im Restaurant. Die, die älter sind, die besseren Platzierungen. Die, die auf Flüssen trainieren, werden vom Wetter nicht so oft am Training gehindert wie wir auf unserem schönen, aber windanfälligen See. Die, die mehr Geld haben, haben das bessere Material. Und so weiter. Aber die größere Motivation, die bessere Stimmung, den besseren Teamgeist haben sie deshalb nicht. Es hat uns verbunden und Spaß gemacht, allen Widrigkeiten zum Trotz.

Nachtrag: Beim Voralpen-Vierer (4 Wettbewerbe), in den auch der Prienathon eingeflossen ist, sind wir Dritte geworden – ganz so ungerecht ist das Leben dann doch nicht.

 

Fotos: Bettina Schröder (Ammersee) und Volker Terhar (Chiemsee)

 

 

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