Bis zum letzten Tropfen

Logbuch Südafrika 2017/18_10

In Ermelo, zwei Stunden östlich von Johannesburg und ziemlich uninteressant, regnet es. Eine passende Gelegenheit, über das Thema zu schreiben, das uns seit unserer Ankunft hier und schon davor beschäftigt: Die katastrophale Dürre in der Kapregion. Als wir diese Reise vorbereitet haben, wollten wir zunächst die vollen zwei Monate in Simon’s Town bleiben, rudern und Ausflüge machen. Als uns immer klarer wurde, was sich dort abspielt, haben wir unsere Pläne geändert und die Reise in zwei Hälften geteilt. Die zweite Hälfte verbringen wir nun also an der Ostküste, was vermutlich ohnehin eine gute Idee ist. Mich aber piekt seither so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ich bin – mal wieder – mit meinen eigenen Skrupeln konfrontiert, meiner Hilflosigkeit angesichts der Probleme der Welt, und dem unangenehmen Bewusstsein, dass ich selbst ganz ordentlich dazu beitrage.

Aber erst einmal zu den Fakten. Die Kapregion hat seit drei Jahren keinen nennenswerten Regen mehr gehabt. Die Staudämme sind aktuell bei einem Stand von unter 20 % der Speicherkapazität. Ab etwa 15 % wird die Wasserzufuhr für Haushalte vollständig abgedreht, dann werden nur noch unbedingt notwendige Versorgungsleistungen erbracht, z. B. für Krankenhäuser. Derzeit dürfen pro Person täglich 75 Liter Wasser verbraucht werden, ab Februar wird dies reduziert auf 50 Liter. An einigen öffentlichen Zapfstellen (davon gibt es etwa 200 Stück in der Stadt) haben wir schon jetzt Schlangen gesehen, diese werden zum Teil von Sicherheitspersonal überwacht. Man rechnet damit, dass die Wasservorräte Mitte April erschöpft sein werden.

Bryne gießt ein wenig Trinkwasser auf die Dollen und in die Rollschienen, um das Salzwasser abzuspülen

Spricht man mit den Kapbewohnern, bekommt man in erster Linie Kritik an der Stadtverwaltung zu hören. Diese habe, obwohl das Problem schon lange absehbar war, nichts unternommen. Es gibt weder nachhaltige Maßnahmen, noch einen akuten Krisenplan. Man mag sich gar nicht vorstellen, was passiert, wenn Tag X kommt und das Wasser wirklich abgedreht wird (falls das dann überhaupt noch nötig ist).

Ideen, was man hätte tun können, haben alle. Z. B. Bau einer Meerwasserentsalzungsanlage oder Anzapfen unterirdischer Wasseradern aus den Bergen durch große Bohrungen. Wie kommt man ran ans kostbare Nass, darum dreht sich die Diskussion. Hinzu kommen aufgebrachte Kommentierungen der gesetzlichen Regelung, dass Trinkwasser in Südafrika nichts kostet, also für alle frei ist. Dies habe den ungezügelten Verbrauch befördert und insbesondere verhindert, dass die Townshipbewohner ein Bewusstsein dafür entwickelt hätten, wie mit dieser Ressource umzugehen ist.

Ich kann mich an dieser Stelle nicht zurückhalten, ein deutliches Höhö auszurufen. Wer ist es denn, der seine Gärten in großem Stil bewässert, die Pools befüllt und seine SUVs stets makellos sauber hält? Das Standardargument ist an dieser Stelle in der Regel, dass vier Prozent der Bevölkerung in diesem Land Steuern zahlen und damit die Infrastruktur finanzieren (Und von diesen Steuern steckt sich die überwiegend schwarze Regierung einen ordentlichen Teil in die eigene Tasche).

Es stimmt. Vieles, sehr vieles erscheint ungerecht in diesem Land. Aus Sicht der Schwarzen. Aus Sicht der Weißen. Aber wie wir immer wieder Gelegenheit haben zu lernen, ist aus Sicht globaler Umweltprobleme fast alles andere trivial. Unsere Gastgeberin in Simon’s Town hat sich gerade den dritten Hund angeschafft (Pit Bull). Es hat ein bisschen gedauert, bis bei uns der Groschen gefallen ist, wieso. Der Spaß hört nicht nur für die Armen auf, wenn das Wasser alle ist.

Das Interessante ist, dass man es eigentlich noch nicht so recht glauben mag. Kapstadt, diese tolle, kosmopolitische Stadt, mit makellosen Stränden und gutgelaunten Menschen? Hier soll sich eine Umweltkatastrophe ereignen? Unvorstellbar! Und was tun die Menschen, mit denen wir sprechen? Sie legen sich riesige Regenwasserbehälter zu, in die man – solange dies noch möglich ist – auch Trinkwasser einspeisen kann, oder bohren Brunnen im eigenen Garten, sofern dieser in einer entsprechenden Lage liegt. Wenn es so weit ist, werden die meisten von ihnen sich Wasser kaufen können, das dann von irgendwo herbeigeschafft wird.

Dass der Schlüssel des Problems in einem vollkommen veränderten Verhalten gegenüber der Ressource Wasser ist, darüber spricht niemand. Man lässt sich nolens volens auf die Reduzierung des Verbrauchs ein und schimpft auf die Politik. Man sorgt privat vor, so gut es eben geht, und schottet sich noch weiter ab. Natürlich ist es an der Stelle, an der wir derzeit stehen, für eine nachhaltige Lösung viel zu spät. Das ist allen bewusst, und vielleicht ist das der Grund für die lakonische Haltung, die alle einnehmen. Kapstadt ist nach wie vor eine fröhliche, bunte, sonnige Stadt, konsumfreudig und laut, als ob nichts wäre. Vielleicht ist ja auch nichts. Vielleicht geschieht ein Wunder. Meine Mutter hat oft zu mir gesagt, es geht doch immer weiter. Würde mich wundern, und wenn, dann fragt man sich eher, wie es weiter geht. Wir werden sehen.

Das Titelfoto stammt von diesem Video. Es ist einer von zahlreichen Beträgen zum Thema. Viele davon gehen wirklich unter die Haut und zeigen das Thema in seiner Komplexität. Wen es intressiert, der kann ja mal Cape Town Water Crisis googlen.

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